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Session: 16.02.2022

Anlässlich der Junisession 2021 des Grossen Rats wurden mittels der Anfrage Tomaschett (Chur) die zu langen Wartezeiten bei der psychologischen und psychiatrischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen thematisiert.

Die Regierung führt in ihrer schriftlichen Antwort unter anderem aus: «Die deutliche Zunahme der Anmeldungen beziehungsweise Zuweisungen von Kindern und Jugendlichen seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in der Grössenordnung von 20 bis 30 Prozent (genaue Zahlen dazu liegen nicht vor) stellt die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR) aber auch die selbstständig tätigen Fachpersonen im Bereich der Psychologie, Psychotherapie sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie (FBPPKJ) vor grosse Herausforderungen. […] Um die Wartezeiten im stationären Bereich für Jugendliche zu verkürzen, haben die PDGR beschlossen, bis zur Inbetriebnahme des Neubaus der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der PDGR (voraussichtlich zweites Quartal 2025) eine geschlossene Station mit fünf Betten für Jugendliche im Personalhaus der Klinik Waldhaus zu errichten. […] Der Kanton leistet im laufenden Jahr den PDGR für die gemeinwirtschaftlichen Leistungen einen Beitrag von 3.1 Millionen Franken, davon 1.35 Millionen Franken für die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Regierung ist bereit, eine Erhöhung dieses Beitrags zu prüfen, sollte dieser Betrag zur Deckung der Aufwendungen der PDGR für die notwendigen gemeinwirtschaftlichen Leistungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht ausreichen.»

Laut dem zuständigen Regierungsrat gibt es bereits über 1000 internationale Studien zum Thema COVID-19 und seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Was man dabei sagen könne: «Aus den Ergebnissen, die schon vorliegen, stellt man fest, dass Störungen, Depressionen, Ängste, psychosomatische Erkrankungen, Magersucht und ähnliches vermehrt auftreten im Vergleich zu vor COVID-19-Zeiten.»

Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen bitten die Unterzeichnenden die Regierung um die Beantwortung folgender Fragen:

  1. Am 13. Dezember 2021 hat die PDGR die neue Jugendstation «P1 AKUT» mit fünf vollstationären Plätzen am Standort der Klinik Waldhaus in Betrieb genommen. Sie soll als Überbrückungsmassnahme bis zur Inbetriebnahme des Neubaus der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie dienen.
    Welches Fazit wird nach den ersten Wochen gezogen?
  2. Wie weit ist die Prüfung der Regierung abgeschlossen, wonach der Betrag zur Deckung der Aufwendungen der PDGR für die notwendigen gemeinwirtschaftlichen Leistungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie allenfalls erhöht werden sollte?
  3. Geht die Regierung davon aus, dass die kommunizierte kantonale Zukunftsplanung (insbesondere Neubau Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie) ausreicht, um die Wartezeiten zu verkürzen und die best- und schnellstmögliche Therapie zu ermöglichen?
  4. Die psychischen Probleme der Kinder und Jugendlichen werden nicht auf Knopfdruck anlässlich der sich hoffentlich bald normalisierenden COVID-19-Situation beendet sein. Die Langzeitfolgen werden alle Hilfebietenden weiterhin stark beschäftigen. Hat die Regierung eine damit einhergehende Langzeitstrategie, um die oben genannten Ergebnisse (Störungen, Depressionen, Ängste, psychosomatische Erkrankungen, Magersuche und ähnliches) abzufedern oder ist sie gewillt, eine solche zu erstellen?
  5. Laut dem zuständigen Regierungsrat zeigt sich, «dass der Stellenmarkt im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie extrem ausgetrocknet ist, und das in der ganzen Schweiz.» Wie sieht die kurz- und mittelfristige Strategie der Regierung diesbezüglich für den Kanton Graubünden aus, respektive verlässt man sich v. a. auf die Umsetzung der Pflegeinitiative seitens des Bundes?
  6. Ambulante Psychiatrische Pflege sucht die Menschen zu Hause auf, fördert das Verständnis für die eigene Krankheit und sucht mit den Betroffenen Wege, um mit ihren Schwierigkeiten im Alltag umgehen zu können. Die stationären Angebote sind sehr gut ausgelastet oder sogar überlastet. Ist die Regierung bereit, auch ambulante Angebote im nieder- und/oder hochschwelligen Bereich zu prüfen?

Chur, 16. Februar 2022

Widmer (Felsberg), Ruckstuhl, Hardegger, Berther, Bettinaglio, Bondolfi, Brunold, Buchli-Mannhart, Caluori, Casutt-Derungs, Clalüna, Crameri, Danuser, Della Vedova, Deplazes (Rabius), Derungs, Ellemunter, Epp, Florin-Caluori, Föhn, Geisseler, Kohler, Kunfermann, Lamprecht, Loepfe, Maissen, Märchy-Caduff, Michael (Donat), Müller (Susch), Niggli-Mathis (Grüsch), Sax, Schmid, Schneider, Tanner, Tomaschett (Breil), Ulber, Widmer-Spreiter (Chur), Zanetti (Landquart), Bürgi-Büchel, Collenberg, Gujan-Dönier, Heini

Antwort der Regierung

Gegenüber der Behandlung der Anfrage Tomaschett (Chur) in der Junisession 2021 hat sich die Studienlage nicht wesentlich verändert, da die meisten Studien auf einen längeren Zeitraum (während und nach der Pandemie) konzipiert sind.

Zu Frage 1: Die von den Psychiatrischen Diensten Graubünden (PDGR) neu eröffnete Jugendstation P1 AKUT trägt zu einer deutlichen Entspannung bei den Notfällen bei. Die Trennung der Jugendlichen von den Erwachsenen und die Möglichkeit, Jugendliche direkt im Kinder- und Jugenpsychiatrischen-Bereich aufnehmen zu können, wirkt sich ausserordentlich positiv auf die Behandlungsverläufe der Jugendlichen aus. Zudem konnten einige Direktzuweisungen in die Klinik Littenheid vermieden werden und Verlegungen aus den PDGR dorthin waren nicht mehr nötig. Mit der Erweiterung des stationären Angebots, der Bildung von Spezialsprechstunden und der Neuschaffung von Stellen durch die PDGR wurde die Wartezeit im ambulanten Bereich um drei bis vier Wochen verkürzt. Die Wartefristen für stationäre Therapieplätze werden durch die neue Jugendstation P1 AKUT nicht verkürzt, da es sich bei dieser Station um eine Notfallstation handelt.

Zu Frage 2: Gemäss den PDGR resultierte im Bereich der ambulanten Behandlungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Jahr 2021 ein nicht durch die Tarife und den Beitrag des Kantons für gemeinwirtschaftliche Leistungen gedeckter Betrag von 1.2 Mio. Franken. Die PDGR haben angekündigt, nach Vorliegen des revidierten Jahresabschlusses ein Kostenübernahmegesuch einzureichen.

Zu Frage 3: Mit der neu konzipierten Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie wird es ab 2025 möglich sein, die Wartezeiten für stationäre und teilstationäre Behandlungen deutlich zu verkürzen. Dies setzt voraus, das für eine den Qualitätsanforderungen gerecht werdende Behandlung und Betreuung der Jugendlichen erforderliche Personal zu rekrutieren. Für die personelle Besetzung der neuen Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie braucht es ca. zehn Vollzeitstellen Ärztinnen und Ärzte sowie Psychologinnen und Psychologen, 30 Fachpersonen aus der Pflege, der Sozialpädagogik und mehrere Lehrpersonen.

Zu Frage 4: Die rollende Versorgungsplanung des Kantons basiert auf der aktuellen Inanspruchnahme kinder- und jugendpsychiatrischer Betten durch Minderjährige aus Graubünden und den prognostizierten Bedarfszahlen im europäischen Trend. Damit sollte es möglich sein, den Folgen der im Vergleich zu vor COVID-19-Zeiten vermehrt auftretenden Störungen, Depressionen, Ängsten, psychosomatischen Erkrankungen, Magersucht und Ähnliches zu begegnen.

Zu Frage 5: Zur Behebung des Mangels der für eine qualtitativ hochstehende Behandlung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen erforderlichen Fachkräfte kann die Regierung nur indirekt beitragen. Sobald die Vorgaben des Bundes in Bezug auf die Umsetzung der Pflegeinitiative vorliegen, wird der Kanton die PDGR im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützen. Den PDGR ihrerseits obliegt es, zur Arbeitgeberattraktivität in der Kinder- und Jugendpsychiatrie durch attraktive Arbeits- und Anstellungsbedingungen beizutragen.

Zu Frage 6: Die Regierung ist bereit, im Zusammenwirken mit den betreffenden Leistungserbringern zusätzliche ambulante Angebote im nieder- und/oder hochschwelligen Bereich, so auch im schulpsychologischen und sozialpädagogischen Bereich, zu prüfen. Aktuell gibt es ambulante Angebote der PDGR im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Chur, Cazis, Ilanz, Disentis, Davos, Samedan, Scuol, Santa Maria, Poschiavo und Grono. 

8. April 2022