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Auftrag Bundi betreffend Verbesserung der Berufswahlvorbereitung in der Oberstufe

Session: 31.08.2005
Die Gewerbeschule Surselva, die Handelschule Surselva und die Bildungsregion Surselva haben gemeinsam im Frühjahr 2005 eine Umfrage bei den Lehrmeistern in ihrer Region zur Qualität der Berufswahlvorbereitung und zur Zufriedenheit der Lehrmeister mit den Schulabgängern bezüglich Fach-, Sozial- und Selbstkompetenzen durchgeführt. In einer breit abgestützten Impulsgruppe wurden die Resultate der Umfrage anschliessend interpretiert und die Feststellung getroffen, dass die wesentlichen Erkenntnisse der Umfrage nicht allein auf die Surselva zutreffen, sondern für den ganzen Kanton verallgemeinert werden können.

Zwei wesentliche Befunde verdienen Erwähnung und sind Grundlage dieses Vorstosses. Danach finden 46% der Lehrmeister, dass die Vorbereitung der Oberstufenschüler auf die Schnupperlehre ungenügend bis genügend sei. Weiter finden 69% der Lehrmeister die grössten Defizite bei den Schulabgängern im Bereich der Selbstkompetenz, insbesondere bei der Leistungsbereitschaft, dem Interesse, der Disziplin und der Ausdauer sowie bei der Selbständigkeit. Zudem kommt die Impulsgruppe zum Befund, dass die Fachkompetenz der Schulabgänger bei der Ausdrucksfähigkeit in der Hauptsprache und in Mathematik, insbesondere Kopfrechnen, in den letzten 20 Jahren abgenommen hat.

Die Regelungen der Schnupperlehre im Kanton Graubünden sind in den „Richtlinien für das Berufswahlpraktikum (Schnupperlehre) in der Volksschul-Oberstufe vom September 1990“ festgehalten. Das Thema Berufwahlvorbereitung wird im Lehrplan „Mensch und Umwelt Arbeit, Arbeitswelt und Berufswahlvorbereitung“ für die Realschule und für die Sekundarschule festgelegt. Gemäss Artikel 20 Absatz 2 des Schulgesetzes ist die Regierung für die Festlegung der Lehrpläne für die Volkschule zuständig.

Mit dem vorliegenden Vorstoss wird die Regierung aufgefordert, in ihrem eigenen Regelungsbereich tätig zu werden und Massnahmen zu ergreifen, um die Qualität der Berufswahlvorbereitung zu verbessern, die Regelungen von Schnupperlehren für Sekundarschüler flexibler zu gestalten und die Selbstkompetenz der Schulabgänger zu steigern. Die Unterzeichnenden wollen dabei den Vorstoss nicht als grundsätzliche Kritik an den Lehrpersonen der Oberstufe verstanden wissen, noch die Eltern aus ihrer Erziehungsverantwortung entlassen. Ebenfalls betreffen die Ausführungen in diesem Vorstoss nicht die Zubringerfunktion der Volksschuloberstufe in die tertiäre Ausbildung.

Die Unterzeichnenden fordern die Regierung auf, die einschlägigen Bestimmungen dahingehend zu ändern, dass

1. grundsätzlich alle Oberstufenschüler der 2. und 3. Oberstufenklassen während der Schulzeit eine Schnupperlehre besuchen können. Die entsprechende Einschränkung der klassenweisen Durchführung auf Realschulen und Kleinklassen ist aufzuheben, bzw. mit der Sekundarschule zu ergänzen.

2. die Berufswahlvorbereitung, insbesondere die Vorbereitung auf Schnupperlehren gestärkt wird. Insbesondere soll dieses Thema als Pflichtstoff im Lernbereich „Mensch und Umwelt“ gestärkt und mit qualitätssichernden Elementen versehen werden.

3. im Ausbildungskonzept der Pädagogischen Fachhochschule ein industriell-gewerbliches Praktikum für alle Auszubildenden vorgesehen wird. Solche Praktika sollen die Lehrpersonen ohne vorgängige industriell-gewerbliche Berufserfahrung befähigen, die Volksschüler besser auf die Berufswelt vorzubereiten.

4. die sprachliche Ausdruckfähigkeit in der Hauptsprache und die Fähigkeit zum Kopfrechnen einen maximalen Stand erreichen

5. die Selbstkompetenz der Schulabgänger hinsichtlich Selbständigkeit und Ausdauer ausgewiesen und gesteigert wird. Dies soll durch entsprechende Arbeitstechniken und Leistungsstandards immersiv über alle Kernfächer erreicht werden. Die Selbstkompetenz der Schüler soll durch eine transparentere Aussage im Schulzeugnis der Oberstufe zuhanden der Eltern und der Lehrbetriebe bewertet und festgehalten werden.

Chur, 31. August 2005

Name: Bundi, Loepfe, Tomaschett, Arquint, Augustin, Bachmann, Barandun, Berther (Disentis), Berther (Sedrun), Biancotti, Bischoff, Bleiker, Büsser, Butzerin, Cahannes, Casanova (Vignogn), Cavegn, Caviezel (Pitasch), Caviezel-Sutter (Thusis), Cavigelli, Conrad, Crapp, Dermont, Donatsch, Fallet, Farrér, Fasani, Federspiel, Feltscher, Göpfert, Gredig-Hug, Hess, Keller, Kleis-Kümin, Koch, Maissen, Marti, Meyer-Grass (Klosters), Mengotti, Michel, Montalta, Noi, Parolini, Parpan, Pedrini, Pfister, Plozza, Portner, Quinter, Righetti, Rizzi, Sax, Schütz, Stiffler, Thomann, Tuor, Zanetti, Zanolari, Zegg, Nay, Niederer, Thurner

Session: 31.08.2005
Vorstoss: dt Auftrag


Antwort der Regierung

Der Auftrag basiert auf der Auswertung einer Umfrage, welche von einer Impulsgruppe der Bildungsregion Surselva im Frühjahr 2005 durchgeführt wurde. Die Resultate der Umfrage widerspiegeln persönliche Beurteilungen von 160 (80%) der 200 in der Surselva wirkenden Lehrmeistern. Als Grundlagen des Vorstosses werden insbesondere die folgenden Einschätzungen aufgeführt: Eine zum Teil ungenügende Vorbereitung der Oberstufenschüler auf die Schnupperlehre, grosse Defizite der Schulabgänger im Bereich der Selbstkompetenz sowie eine Abnahme der Fachkompetenzen im Verlauf der letzten 20 Jahre in den Bereichen Hauptsprache (Ausdrucksfähigkeit) und Mathematik (insbesondere Kopfrechnen).

Zu den konkreten Forderungen, welche die Unterzeichnenden auf der Basis der Umfrage stellen, hält die Regierung Folgendes fest:

1. Das Regierungsprogramm 2005 2008 enthält u. a. den Entwicklungsschwerpunkt „Mehr Tiefe als Breite“. Im Rahmen dieses umfassenden Projektes werden auch die zurzeit geltenden „Richtlinien für das Berufswahlpraktikum (Schnupperlehre) in der Volksschul-Oberstufe“ überprüft und falls erforderlich entsprechend angepasst.

2. Im Rahmen des Entwicklungsschwerpunktes „Mehr Tiefe als Breite“ ist u. a. eine grundlegende Überprüfung der einzelnen Unterrichtsfächer vorgesehen. In diesem Zusammenhang besteht die Möglichkeit, auch Fragen der Berufswahlvorbereitung detailliert zu diskutieren und in den einzelnen Fachbereichen (z. B. Mensch und Umwelt) neu zu gewichten.

3. Die Pädagogische Fachhochschule Chur (PFH) bildet Lehrpersonen für den Kindergarten und die Primarschule aus. Da die Bündner Oberstufenlehrpersonen in Hochschulen anderer Kantone (u. a. Zürich, St. Gallen, Bern, Fribourg) ausgebildet werden, ist eine direkte Einflussnahme auf deren Ausbildungskonzepte im Sinne des Auftrags nur in beschränktem Masse möglich. Bestehende Möglichkeiten werden ausgeschöpft.

4. Im Rahmen des Entwicklungsschwerpunktes „Mehr Tiefe als Breite“ werden wie im Auftrag gefordert u. a. auch der Sprach- und Mathematikunterricht auf der Basis eines sich im Aufbau befindenden Leistungsstandardprojekts der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) überprüft. Bereits während des laufenden Schuljahres finden im Sinne eines Entwicklungsschwerpunktes im Regierungsprogramm 2005 2008 für die Lehrpersonen der Bündner Volksschule flächendeckende obligatorische Weiterbildungskurse zur Förderung der Standardsprache Deutsch statt.

5. Die Selbstkompetenz der Schulabgänger und Schulabgängerinnen zu steigern, war und ist immer ein zentrales Anliegen der Volksschule. Im Dienste dieser Zielsetzung steht u. a. auch die im Rahmen des Entwicklungsschwerpunktes „Mehr Tiefe als Breite“ geplante, speziell auf die Berufsausbildung ausgerichtete Neugestaltung des 9. Schuljahres. In den Zeugnissen wird die Selbstkompetenz bereits ab Schuljahr 2005/06 durch die Bewertung einheitlicher Kriterien wie „Selbstständigkeit im Lernen und Arbeiten“, „Ausdauer im Lernen und Arbeiten“, „Sorgfalt im Lernen und Arbeiten“ etc. ausgewiesen.

Im Hinblick auf eine Verbesserung der Berufswahlvorbereitung erachtet es die Regierung als wichtig, auch geschlechtsspezifische Aspekte zu berücksichtigen. Das laufende Projekt „Chance Graubünden“ bearbeitet schwerpunktmässig die Themen Berufswahl und Geschlechterunterschiede in diesem Bereich. Das Projekt richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen I und II, an Lernende in der Berufsausbildung, an Lehrpersonen der Sekundarstufe I, der Gymnasien und Berufsschulen.

Die Regierung ist bereit, den Auftrag im Sinne dieser Erwägungen entgegenzunehmen.

Datum: 25. Oktober 2005