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Entwicklung im Strafvollzug

Das Gefängnis in Antike und Mittelalter

Das antike und mittelalterliche Strafrecht kannte eine Vielzahl von Sanktionen, von denen das Gefängnis eine untergeordnete Rolle spielte und bei weitem nicht so grosse Bedeutung hatte wie heute. Gleichwohl konnten Gefängnisse damals unterschiedliche Funktionen erfüllen: 

  • Sicherung eines Angeklagten bis zur Verhandlung 
  • Sicherung eines Verurteilten bis zur Vollstreckung der Todesstrafe 
  • Sicherung von Schuldnern 
  • Das Gefängnis als Ersatz für Geldstrafe 
  • Lager für Kriegsgefangene 
  • Zwangsarbeit in Bergminen oder auf Galeeren 
  • Hausgefängnis für ungehorsame Sklaven aber auch Familienmitglieder 
  • Besserung der Straftäter
    Im Mittelalter verfügten Kloster über eigene Gefängnisse, wo Mönche und Nonnen, die gegen die Klosterregeln verstiessen, eingesperrt wurden, um Busse zu üben und so zur Umkehr zur gelangen. 
  • Das Gefängnis als Gnadenerweis
    Lebenslängliche Freiheitsstrafen waren oft das Ergebnis der Abmilderung der Todesstrafe durch den jeweiligen Herrscher 
  • Das Gefängnis als Folter- und Hinrichtungsstätte
    Oft war das Gefängnis auch Ort von Folterungen, die dazu benutzt wurden, Geständnisse zu erzwingen. Hinrichtungen wurden nicht selten ebenfalls im Gefängnis vollzogen.

Kriminalstrafen im 15. Und 16. Jahrhundert

Die Strafgerichtsbarkeit zu Beginn der Neuzeit lag bei einer Unzahl von Personen und Behörden. Eine grosse Bedeutung kam den kirchlichen Gerichten zu, den bischöflichen Gerichten vor Ort und der Inquisiten. Entsprechend gross war die Vielzahl der Strafen, die von einfachen Ermahnungen bis zu grausamlichen Verstümmelungen und verschiedenen Formen der Todesstrafe reichte.

Strafarten: 

  • Milde Strafen
    Ermahnungen, Geldstrafen 
  • Schandstrafen
    Pranger stellen, Gewänder und Masken tragen und auf die Art ihres Vergehens hinzuwiesen. Von der Bevölkerung ausgelacht und bespuckt werden. Gezwungen einer Hinrichtung zuzusehen, verbunden mit der Drohung das nächste Mal nicht nur zuschauen zu dürfen. 
  • Kirchenstrafen
    Busswallfahrten oder Tragen von Bussgewändern 
  • Verbannung 
  • Freiheitsstrafen
    Neben Gefängnissen kamen zu Beginn der Neuzeit weitere Formen der Freiheitsstrafen auf. Viele Kleinkriminelle landeten auf den Galeeren. Im späten 16. Jahrhundert schliesslich entstanden in vielen europäischen Ländern Arbeits- und Zuchthäuser, in die v.a. Bettler und Landstreicher eingesperrt wurden. 
  • Körperstrafen
    Die harmloseste unter den Körperstrafen war die Prügelstrafe. Sie wurde oft zusammen mit anderen Strafen (Verbannung oder Haft) verhängt. Um Wiederholungstäter bzw. Flüchtlinge von den Galeeren etc. wiederzuerkennen, wurden oft Zeichen in die Haut eingebrannt. Verschärfte Formen waren das Abhacken einer Hand oder das Blenden der Augen. Recht häufig wurde das Abschneiden eines Ohres durchgeführt. Beim Militär war das Spiessrutenlaufen beliebt. 
  • Todesstrafe
    Als milde Arten galten: Köpfen, Hängen, Erdrosseln und Begraben bei lebendigem Leibe. Verschärfte Formen waren: Verbrennen bei lebendigem Leibe und das Rädern.

Das Amsterdamer Zuchthaus von 1596

Das Gefängniswesen ist bei weitem nicht so alt, wie man vielleicht annehmen möchte. Erst Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Gefängnis zur Standardstrafe für alle Formen der Kriminalität.
Eines der ersten modernen Gefängnisse war das Amsterdamer Tuchthuis (Zuchthaus), das 1596 eingeweiht wurde. Hier traf zum ersten Mal die Besserung der Straftäter in den Vordergrund und verdrängte den Vergeltungsgedanken. Durch harte Arbeit sollten die Gefangenen an ein anständiges Leben in Freiheit gewöhnt werden. Ausserdem wurde den Gefangenen Unterricht erteilt.
Der Gedanke der Besserungsanstalten sprang auf ganz Europa über. In der Schweiz wurden folgende Schellenwerke gebaut:

1614 Bern
1616 Basel
1617 Freiburg
1639 Zürich
1661 St. Gallen

Meist waren die früheren Arbeitshäuser Familienbetriebe, die von einem „Vater“ und einer „Mutter“ geleitet wurden. Diese waren für die Versorgung der Gefangenen aber auch für die Aufrechterhaltung der Disziplin verantwortlich. In den meisten Arbeitshäusern wurden Kleidungsstücke hergestellt, es wurde gewoben, gesponnen und genäht. Arbeitshäuser für Frauen wurden deswegen auch „Spinnhäuser“ genannt.

Reformen im 19. Jahrhundert

Am besten lassen sich die Gefängnisformen des 19. Jahrhunderts an drei Mustergefängnissen in den USA und England veranschaulichen. Sie dienten auch in der Schweiz als Vorbild für Reformen.

„solitary system“ – The Eastern State Penitentiary Philadelphia (USA)

Wichtige Impulse zur Reform der Gefängnisse gingen von der Religionsgemeinschaft der Quäker aus. Sie kämpften für die Abschaffung von Todes- und Prügelstrafen und machten eine breitere Öffentlichkeit auf die Missstände in den Gefängnissen aufmerksam. Sie pflegten die Tradition, Gefangene im Gefängnis zu besuchen und so die Öffentlichkeit ins Gefängnis einzubeziehen. Durch vorbildliches, freundliches Verhalten, nicht durch Bestrafung, versuchten sie die Gefangenen zur Umkehr zu bewegen.
 
Im Jahre 1787 wurde im US-Bundesstaat Pennsylvania das Philadelphia Society for Alleviating the Miseries of Public Prisons von den Quäkergemeinschaften gegründet. Sie setzten 1821 auch den Bau Eastern State Penitentiary durch, wo Gefangene nach den religiösen Vorstellungen der Quäker in ein Leben mit Gott zurückfinden sollten. Die Gefangenen wurden in strengster Isolation untergebracht, durften nicht arbeiten und erhielten nur Besuche von Anstaltsgeistlichen. Die Bibel war die einzig erlaubte Lektüre. In der Einsamkeit sollten die Gefangenen zur Reue und Umkehr gelangen.

„silent system“ – The Auburn State Prison New York (USA)

Im Gegensatz zum „solitary system“ wurde das Auburn State Prison in New York nach dem „silent system“ verwaltet. Die Gefangenen verbrachten nur die Nacht in Einzelzellen. Untertags mussten sie gemeinsam arbeiten. Um eine kriminelle Ansteckung zu verhindern, durften sie dabei allerdings nicht miteinander sprechen. Der kleinste Laut und die geringste Mimik oder Gestik wurden bereits mit Peitschenhieben bestraft.

„progressive system“ – Pentonville (GB)

Erbaut nach dem Vorbild des Eastern State Penitentiary öffnete im Jahre 1842 das Londoner Gefängnis Pentonville seine Tore. Anders als in Philadelphia war hier die Isolationshaft nur die erste Stufe eines „progressive system“. Nach neun Monaten Einzelhaft konnten die Gefangenen zu Gemeinschaftsarbeiten zugelassen werden. Insgesamt gab es drei Stufen erleichterte Haft, auf denen die Gefangenen je nach ihrem Verhalten auf- und absteigen konnten, schlimmstenfalls drohte die Rückkehr in die Isolationshaft. Wer allerdings die oberste Stufe erreichte, konnte nach drei Vierteln der Haftzeit vorläufig entlassen werden.
In Irland wurde dieses Stufensystem weiter perfektioniert. Vor ihrer Entlassung auf Bewährung kamen die Gefangenen in „intermediate prisons“, vergleichbar den Halbfreiheitshäusern, wo sie nur die Nacht zubrachten, während sie untertags draussen arbeiten durften.

Bau ähnlicher Anstalten in der Schweiz:

1817 Chur
1825 Genf
1826 Lausanne
1839 St. Gallen
1864 Lenzburg
1864 Basel
1900 Regensdorf

Die Entwicklung in der Schweiz: Vereinheitlichungs-Bestrebungen

  • Das Pensionssystem

    Am Anfang der Zentralisation im Gefängniswesen stand das Pensionssystem, wonach Verbrecher und Liederliche, sowohl Erwachsene als auch Jugendliche in Anstalten ausser Kantons oder ausser Landes untergebracht werden. Dieses Pensionssystem ist schon Jahrhunderte alt und fand zuerst Anwendung bei liederlichen Personen. Bald übernahmen die Schallenwerke gegen Erstattung der Kosten auch gerichtlich verurteilte von anderen Kantonen auf. So kamen vor Mitte des 18. Jahrhunderts Sträflinge aus den Kantonen Graubünden und Glarus in das Zuchthaus Basel. Eigentümlich zu sehen ist, wie Zürich, das doch ein eigenes Zuchthaus besass, lasterhafte Personen vielfach in fremde Schallenweke sandte.
    Das eigentliche systematische Verkostgelten, d.h. zu diesem Zweck wurden dauernde Verträge geschlossen, kam erst anfangs des 19. Jahrhunderts auf. Das Helvetische peinliche Gesetzbuch, obwohl nur kurze Zeit in Geltung, hatte doch gezeigt, dass an Stelle der älteren, körperlichen Strafen die weniger harten Freiheitsstrafen mit grösserem Erfolg angewendet werden konnten, und daher kam es, dass diese Letztern immer allgemeiner in Anwendung kamen.
    Das Helvetische peinliche Gesetzbuch war mangelhaft gewesen, schon weil es überwiegend Freiheitsstrafen androhte. Es wurde bald wieder ausser Kraft gesetzt. Aber dennoch war an Lokalen für den Vollzug der immer mehr aufkommenden Freiheitsstrafen ein Mangel. So kam es, dass Franz Ludwig Schenk, Reichsgraf zu Kassel in Oberdischingen bei Ulm sich geneigt erklärte, Sträflinge in Pension zu nehmen. Viele Kantone trafen mit ihm Abkommen bezüglich Verkostgeltung von Sträflingen. Viele Kantone verzichteten darauf, eigene Gefängnisse zu erstellen.
    Die Erfolge und Ergebnisse, die in Dischingen gezeitigt wurden, waren nicht befriedigend. Man beschwerte sich über die Misshandlung der Sträflinge, sittliche Vernachlässigung und schlechte Haft. Fast regelmässig entliefen die Züchtlinge. Die Konvention mit dem Grafen Schenk dauerte nicht lange. Schon Ende 1808 sah sich dieser veranlasst, den Kantonen mitzuteilen, dass infolge politischen Veränderungen seine Zuchtanstalt geschlossen werde. Die Kündigung dieses Ablieferungsvertrages hatte direkt oder indirekt die Gründung einiger kantonaler Strafanstalten zur Folge. 
  • Projekt einer interkantonalen Strafanstalt

    In der Folge der Aufkündigung des Ablieferungsvertrages mit dem Grafen Schenk versuchte man durch Schaffung einer interkantonalen Zuchtanstalt diesen Ausfall zu lösen. Doch bestand hierfür von Seiten der angefragten Kantone wenig Interesse. Einzig der Stand Schwyz erwog ernsthaft, das Schloss Grynau mit Unterstützung weiterer Kantone zur Unterbringung von rund 100 Insassen einzurichten. Aber auch hier erlahmte der Eifer bald und gab der üblichen Erdauerung Raum. Später zeigte sich der Kanton Luzern bereit, seine Anstalt zur Unterbringung u.a. bündnerischer Rechtsbrecher zur Verfügung zu stellen. Diese Lösung war aber sehr kostspielig und zudem bestand für protestantische Häftlinge keine Möglichkeit, einer seelsorgerischen Betreuung. 
  • Die Entwicklung im Kanton Graubünden

    Schon im Jahre 1758 wurde von den Gerichtsgemeinden ein entsprechendes Vorhaben genehmigt, eine kantonale Strafanstalt zu errichten. Seine Realisierung jedoch scheiterte, und eine Welle der Sattheit oder des Unverständnisses ging darüber hinweg. In den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts wollten die Gemeinden von einer Strafanstalt ausdrücklich nichts wissen, obwohl ein Privater sich bereit erklärt hatte, dem Kanton ein geeignetes Objekt zu einem billigen Zins zu überlassen. Als in der Folge der Plan erörtert wurde, in St. Margrethen in Chur ein Zuchthaus zu schaffen, erhob sich Widerstand diesmal aus der Bürgerschaft von Chur, deren Wortführer erklärten, im Bereich des städtischen Gemeinwesens ein solches Objekt nicht tolerieren zu wollen.
    Konfessionelle Bedenken und Angst vor einer Konkurrenzierung der einheimischen Handwerker von Seiten der Sträflinge fanden in dieser Ablehnung ihren Niederschlag. So blieb die Sache liegen und ruhte erneut über lange Jahre hinweg. Jedoch die äusseren Umstände, nämlich die immer weiter grassierende Landstreicherplage, zwangen die Behörde, die ungelöste Zuchthausfrage aufzugreifen. So kam es, dass angeregt wurde, die Zustimmung der Seemächte zu erwirken, Bündner Rechtsbrecher zu den Galeeren abschieben zu dürfen. Zwischenzeitlich behalfen sich die Gerichte mit dem bisherigen Pensionssystem. D.h. die Verurteilten in aufnahmebereite auswärtige Anstalten als Pensionäre unterzubringen. Im Jahr 1807 schien ein kräftiger Ausbau möglich, nämlich durch den Abschluss eines Vertrages mit dem Reichsgrafen Ludwig Schenk zu Oberdischingen bei Ulm. Eine Brandkatastrophe und nachfolgend eine politische Wende bereiteten dem Vorhaben, Bündner Rechtsbrecher ordentlich unterzubringen, ein frühzeitiges Ende. Im Weiteren zeigte der Kanton Interesse an dem Projekt Schloss Grynan des Standes Schwyz, das als interkantonale Zuchtanstalt geplant war. Aber auch hier erlahmte der Eifer bald und gab der üblichen Erdauerung Raum. Im Anschluss zeigte sich bald eine Lösung mit dem Kanton Luzern ab, der bereit war, seine Anstalt zur Verfügung zu stellen. Diese Lösung war aber sehr kostspielig und zudem bestand für protestantische Häftlinge keine Möglichkeit ihren Glauben zu leben.
    In Bünden erwog man daher, das im Jahre 1803 dem Kanton zugefallene Schloss Tarasp dem Strafvollzug zugänglich zu machen. Der prekäre bauliche Zustand des Objektes hätte indessen zu riesigen Kosten geführt und das finanziell schwache Staatswesen scheute nichts so sehr wie Ausgaben. 1803 wurde die Stadtbehörde von Chur tätig und offerierte dem Kanton die Abtretung des runden Turmes beim Untertor zur Errichtung einer Strafanstalt. Damit waren sogar die Zünfler einverstanden und überwanden ihre Konkurrenzangst. Doch bald gaben sich Probleme bezüglich dem von der Stadt geforderten Rücknahmerecht. Mit Schreiben vom 26. Februar 1817 ersuchte die Regierung den Bürgermeister zu Chur um die käufliche Abwertung des viereckigen Turmes beim Anschluss des Mühlbaches samt angrenzenden Gärten zur Errichtung der Zuchtanstalt. Damit war der Churer Magistrat nicht einverstanden und verwies in seiner Antwort, dass er selbst die Liegenschaft „Sennhof“ gelegen an der östlichen Ringmauer, ins Auge gefasst habe und in der Lage sei, auch den dort stehenden Turm zur Mitbenutzung zur Verfügung zu stellen. Diesmal zeige sich die Regierung bezüglich der Eigentumsfrage nicht mehr halsstarrig. Es kam zu weiteren Verhandlungen und bald darauf zu einer Einigung. Man einigte sich auf der Basis einer Kaufsumme von 11'500.-- Gulden. Übrigens stand bei der Übernahme des Areals „Sennhof“ dort zuletzt eine Seifenfabrik, die nun umplatziert werden musste. Mitte des Jahres 1817 wurde die Strafanstalt in Betrieb genommen.