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Auswertung der früh- bis spätmittelalterlichen Kirchenanlage Sogn Murezi

 
Zwischen 1994 bis 2011 waren in Tomils (romanisch Tumegl) archäologische Ausgrabungsarbeiten zur abgegangenen Kirchenanlage Sogn Murezi (St. Mauritius) im Gange. Die Anlage liegt auf der gleichnamigen Flur im Nordosten des Dorfes Tomils am nördlichen Ende der Talschaft Domleschg. Während den Untersuchungen kamen die Reste einer grossen Kirchenanlage zum Vorschein, welche vom frühen Mittelalter bis in die frühe Neuzeit benutzt worden war. Zum Komplex, welcher sein Aussehen im Laufe der Zeit erheblich verändert hat, zählte jeweils eine Kirche mit mehreren zugehörigen Wohn- und Wirtschaftsbauten. Die ergrabenen Strukturen aus Holz und Stein machen jedoch deutlich, dass die Flur Sogn Murezi bereits in spätrömischer Zeit Bauten aufwies; die ältesten baulichen Strukturen auf der Flur reichen in die 2. Hälfte des 5. Jh. zurück. Neben den spektakulären Befunden wurden zahlreiche Funde ergraben, welche bis in die Spätbronzezeit (12./ 13. Jh. v. Chr.) zurückreichen.

Die Ergebnisse der Gesamtauswertung der Anlage sind zurzeit Gegenstand eines interdisziplinären Dissertationsprojektes und sollen in wenigen Jahren in einer Monographie publiziert werden. Im Zentrum der Auswertung steht die kirchliche Anlage mit dem jeweiligen Kirchenbau und den zugehörigen Wohn- und Wirtschaftsbauten. Deren aussergewöhnlicher Erhaltungszustand ermöglicht es, die Anlage und ihre baulichen Veränderungen minutiös zu untersuchen und zu rekonstruieren. Insbesondere der hervorragende Erhaltungszustand der frühsten Kirchenanlage aus dem 7. Jahrhundert (nahezu vollständig erhaltene Kanalheizung mit nachgewiesenen Resten von Wandkaminen, dreistufige Priesterbank mit Thronsitz, grosse einviertelrunde Herdstellen in den Wohnräumen, massive Mörtelböden, gemauerte Sitzbänke, Abdrücke von Wandregalen) besitzt im Raum Graubünden wenn nicht auf dem Gebiet der heutigen Schweiz für solch frühe Kirchen Seltenheitswert und bietet die Gelegenheit, bautechnische und liturgische Aspekte genau zu beobachten. Auch das ergrabene Fundmaterial mit gut erhaltenen Glasfragmenten, zahlreichen datierten Lavezfunden, Knochenfunde, die auf einen luxuriösen Speisezettel schliessen lassen, ist für die Frühmittelalter-Forschung äusserst aufschlussreich. Damit handelt es sich bei der Kirchenanlage Sogn Murezi in Tomils mit dem Kloster St. Johann in Müstair und der Kathedrale Genf wahrscheinlich um eine der am sorgfältigsten archäologisch dokumentierten Kirchenanlagen der Schweiz. Die zu erwartenden Resultate des Projekts sind für die archäologische, kunsthistorische und historische Forschung von grossem Interesse.

Kontakt: Ursina Jecklin-Tischhauser