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Frauenstreik: radikal und feministisch?

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Ein Kommentar von Barbara Wülser.

«Können sollen müssen Männer Feminist*en sein?»

Hallo, Sie sind noch da? Dann gehören Sie zu einer Minderheit. Die Mehrheit steigt, wenn nicht schon beim Titel, dann wohl spätestens nach dem ersten Satz meiner Kolumne aus. (Zu) Vieles ist zweideutig: Fragezeichen, drei Verben nacheinander, Gendersternchen. Oder (zu) radikal: Frauenstreik, Feminismus. Dabei könnten gerade daraus interessante Diskussionen entstehen.

Studentin und Grossrätin Julia Müller gab uns diese Frage ins Jubiläumsjahr mit. Es ist eine von vielen, die die Stabsstelle für Chancengleichheit von Frau und Mann in Gesprächen mit zahlreichen Persönlichkeiten anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens sammelte.

Es ist kompliziert geworden heutzutage, über Frauenfragen zu reden. Umso wichtiger, dass wir es tun. Wobei: Geht es wirklich «nur» um Frauenfragen?

Feminismus ist keine Neuerfindung, sondern hat eine beinahe 200-jährige Tradition. Es gibt verschiedene Lesarten. Gleichberechtigung, Menschenwürde, Freiheit, Selbstbestimmung aller Menschen sind Werte, die damit verbunden sind. Ist das radikal?

Heute wird Feminismus vielerorts als Synonym für Frauenemanzipation verstanden. Menschen und Bewegungen, die die Rechte der Frauen einfordern, werden damit in Verbindung gebracht. Also das, was das Frauen*streikkollektiv am nächsten Montag, dem bedeutsamen 14. Juni, tut. Bedeutsam, weil auch der Frauenstreik auf eine Tradition zurückblickt: In der Schweiz bleibt der historische Frauenstreik 1991 in Erinnerung, als Hunderttausende Frauen auf die Strasse gingen unter dem Motto «Wenn frau will, steht alles still». Sie forderten unter anderem die Umsetzung des Gleichstellungsartikels, der seit zehn Jahren in der Verfassung verankert war. National ebnete der Streik dem Gleichstellungsgesetz den Weg, kantonal der Schaffung unserer Stabsstelle für Chancengleichheit.

2019 doppelten die Frauen (und Männer) nach mit «Lohn. Zeit. Respekt». Politisch schlug sich dies im kantonalen «Aktionsplan Gleichstellung» nieder, der vom Grossen Rat überwiesen wurde und ab diesem Sommer umgesetzt wird.

Seit dem Streik 2019 setzt sich das Frauen*streikkollektiv Graubünden für Vielerlei ein. Es geht um feministische, aber auch um gesamtgesellschaftliche Anliegen. Diversität, flache Hierarchien, Solidarität – etwa mit dem Klimastreik – zeichnen die Bewegung aus. Die 24-jährige Julia Müller gehört dazu, aber auch ältere Frauen, einzelne Männer* und Diverse bringen sich (sporadisch) ein. Arbeitsgruppen werden nach Bedarf und Vorlieben gebildet, besucht, vernetzt. Eine Bewegung halt, die von der Bewegung lebt.

«Wann verdienen Frauen endlich gleich viel wie Männer?» Alt Bundeskanzlerin Corina Casanova hat uns diese Frage mitgegeben. Lohngleichheit, schon 1991 ein zentrales Anliegen, ist immer noch nicht erreicht. Deshalb gibt es am Montag Lärm um 15.19 Uhr auf dem Alexandraplatz in Chur – der Tageszeit, ab der Frauen statistisch gesehen gratis arbeiten. Vor einem Jahr wäre es noch 15.24 Uhr gewesen – die Lohnungleichheit hat also sogar zugenommen.

Gleichberechtigung, Menschenwürde, Freiheit, Selbstbestimmung aller Menschen, Lohngleichheit – wer ist dagegen? Der Frauenstreik ist folglich eine Bewegung für alle. Die Eingangsfrage konnte ich vielleicht nicht abschliessend beantworten. Aber ich möchte mit der Frage von Standes-Vizepräsidentin Aita Zanetti schliessen: «Geben wir uns die Hand?».

www.frauenstreik-gr.ch

Dieser Text wurde publiziert im Bündner Tagblatt vom 11. Juni 2021 als Gastkommentar von Barbara Wülser.

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