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Session: 08.12.2021

Die übergeordneten politischen Ziele und das Regierungsprogramm 2021 bis 2024 sehen vor, den Kanton Graubünden nicht nur als Erholungs- und Wirtschaftsstandort, sondern auch als Wohn-, Ausbildungs- und Arbeitsort bekannter zu machen und seine Standortattraktivität besser zu vermarkten. Damit soll ein Beitrag dafür geleistet werden, nicht nur die Abwanderung zu stoppen, sondern die Zuwanderung von Familien und Fachkräften zu fördern. Dies wurde in den Fokus genommen, weil viele Branchen zunehmend Schwierigkeiten verzeichnen, in Graubünden genügend ausgebildete Fachkräfte zu finden.

Im Lichte der Corona-Pandemie zeigt sich aktuell in vielen Branchen eine dramatische Beschleunigung der Fachkräfteproblematik. Die Gastronomie ist in Graubünden davon besonders betroffen, aber auch in anderen Branchen wurde der Arbeitsmarkt unerwartet schnell und radikal ausgetrocknet. Der «Fachkräftemangel-Index Schweiz» der Universität Zürich zeigte Ende November 2021 auf, dass sich die Lage gegenüber einer leichten Entspannung im Jahr 2020 gerade in den Bereichen Ingenieurwesen, Technik, Informatik sowie im Gesundheitswesen noch einmal deutlich verschlechterte. Die im Regierungsprogramm vorgesehenen Massnahmen reichen im Lichte der aktuellen Entwicklung bei weitem nicht aus, diesen Trend bremsen oder gar stoppen zu können.

Die im Jahr 2011 lancierte Fachkräfte-Initiative des Bundes zur Aktivierung des inländischen Arbeitskräftepotenzials zeigt, dass koordinierte Massnahmen eine gute Wirkung erzielen können. So wurden gemäss SECO von 2010 bis 2018 zusätzlich über 148 000 inländische Arbeitskräfte (in Vollzeitäquivalenten) aktiviert respektive reaktiviert.

Die Regierung wird beauftragt, dem Grossen Rat eine kraftvolle Fachkräfte-Initiative für den Kanton Graubünden vorzulegen. Diese soll an die Fachkräftepolitik des Bundes anschliessen sowie die diesbezüglich bereits laufenden Bemühungen im Kanton berücksichtigen und gezielt erweitern.

Chur, 8. Dezember 2021

Degiacomi, Gartmann-Albin, Wilhelm, Atanes, Baselgia-Brunner, Cahenzli-Philipp, Caviezel (Chur), Hofmann, Horrer, Müller (Felsberg), Noi-Togni, Perl, Preisig, Rettich, Rutishauser, Schwärzel, Pajic, Spadarotto, Tomaschett (Chur)

Antwort der Regierung

Die Verfügbarkeit von Fach- und Arbeitskräften ist ein zentraler Standortfaktor, welcher die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit stark beeinflusst. Der Wettbewerb um Fach- und Arbeitskräfte wird sich auf kantonaler, nationaler und internationaler Ebene in Zukunft branchenübergreifend weiter verschärfen. Dieser Entwicklung liegen verschiedene Ursachen zugrunde. Die demografische Entwicklung in der Schweiz und in Europa führt dazu, dass das Arbeitskräftepotenzial und damit das Arbeitsangebot rückläufig ist. In den nächsten zehn Jahren tritt die Baby-Boomer-Generation ins Pensionsalter ein. Gleichzeitig kommt aufgrund der tieferen Geburtenrate nicht die gleiche Zahl an Arbeitskräften auf den Arbeitsmarkt. Damit einher geht ein struktureller Wandel des Arbeitsmarkts von einem Arbeitgeber- hin zu einem Arbeitnehmermarkt. Die Alterung der Gesellschaft ist dabei in Graubünden weiter fortgeschritten als im schweizerischen Durchschnitt. Daneben hat die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt, dass fehlende inländische Arbeitskräfte nicht ohne weiteres durch ausländische ersetzt werden können. Die Schweiz ist zwar weiterhin ein attraktives Einwanderungsland für ausländische Arbeitskräfte, aufgrund verbesserter wirtschaftlicher Verhältnisse in den europäischen Herkunftsländern macht sich aber seit mehreren Jahren ein rückläufiger Wanderungssaldo bemerkbar. Dieser hat sich schweizweit seit 2013 von rund 90 000 auf rund 50 000 (Durchschnitt 2017–2020) beinahe halbiert. Hinzu kommt, dass die Rekrutierung von Fachkräften aus Drittstaaten (ausserhalb der EU/EFTA) starken gesetzlichen Einschränkungen hinsichtlich der Anzahl an Arbeitnehmenden und auch deren Qualifikationen unterliegt.

Der Mangel an Fach- und Arbeitskräften auf dem Bündner Arbeitsmarkt ist eine zunehmend branchenübergreifende Erscheinung. Betroffen sind also nicht nur Berufe mit hohen, sondern auch solche mit geringeren Qualifikationsanforderungen.

Die Regierung hat das Thema Fach- und Arbeitskräfte als zentrale Herausforderung für den Kanton Graubünden erkannt und im Regierungsprogramm 2021–2024 abgebildet. Verschiedene Regierungsziele und Entwicklungsschwerpunkte zielen darauf ab, dem Mangel an Fach- und Arbeitskräften entgegenzuwirken. Mit konkreten Projekten und Massnahmen unternimmt die Regierung bereits heute sehr grosse Anstrengungen zur Steigerung der Attraktivität Graubündens als Ort zum Leben und Arbeiten, zur Aktivierung des inländischen Arbeitskräftepotenzials, insbesondere auch jenes von Frauen, zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder zur Optimierung der nachfrageorientierten Aus-, Weiter- und Berufsbildung. Im Übrigen hat der Kanton im Kontext der Fachkräftepolitik des Bundes konkrete Massnahmen umgesetzt. Beispiele dafür sind die Aufhebung der Kostenpflicht für Angebote der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung oder der Berufsabschluss für Erwachsene.

Die Regierung ist sich bewusst, dass die Linderung des strukturellen Fachkräftemangels bzw. eine kohärente Arbeitsmarktpolitik eine langfristige und komplexe Herausforderung darstellen, welche nur durch gemeinsame Anstrengungen aller Anspruchsgruppen gemeistert werden kann. Zu diesen Anspruchsgruppen gehören neben dem Bund, dem Kanton und den Gemeinden auch die Wirtschafts- und Branchenverbände sowie die Unternehmen selbst. Eine interdisziplinäre bzw. interdepartemental koordinierte Herangehensweise ist dabei zwingend.

Aufgrund dieser Ausführungen beantragt die Regierung dem Grossen Rat, den vorliegenden Auftrag wie folgt abzuändern: Die Regierung erarbeitet unter Einbezug der relevanten Akteure einen Bericht zur Situation bezüglich des Fach- und Arbeitskräftemangels in Graubünden und zum möglichen Handlungsbedarf, wobei allfällige Massnahmen die Vielzahl von laufenden Bemühungen von Bund und Kanton gezielt ergänzen und verstärken sollen.

24. Februar 2022