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Bettagsmandat 1999

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Die Regierung an die Einwohnenden des Kantons Graubünden
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Vor 500 Jahren prägten kriegerische Ereignisse Land und Volk Graubündens. Als blutiges Geschehnis ist vor allem die Calvenschlacht in die Geschichte eingegangen. Dieses Jahr haben in Graubünden und im angrenzenden Ausland verschiedene Anlässe stattgefunden, die sich mit den damaligen Vorkommnissen auseinander setzten. Bezeichnend für diese Anlässe ist, dass sie sich weniger den kriegerischen Aspekten der Vergangenheit als vielmehr der Frage widmen, welchen Sinn kann ein solches "Schlachtjubiläum" in der heutigen Zeit haben.
Der Sinn des Gedenkens selbst an kriegerische Ereignisse kann vielfältig sein. Der Rückblick kann Gefühle des Dankes dafür auslösen, dass unser Land, unser Kanton und unsere unmittelbaren Nachbarn im Ausland heute in Frieden miteinander leben dürfen. Er schafft aber auch die Möglichkeit, die heute von gutem Einvernehmen und gegenseitigem Respekt geprägten Beziehungen mit den Nachbarn zu intensivieren in der Absicht, noch mehr voneinander zu erfahren und diese Erfahrungen für die Lösung von Problemen über bestehende Grenzen hinweg zu nutzen. Denkbar ist sodann die trotzige Reaktion, das Gleiches oder Ähnliches sich heute und in der Zukunft nicht mehr wiederholen darf.
Sie werden vielleicht sagen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, die erwähnten möglichen Sinngehalte eines Rückblicks auf kriegerische Ereignisse stellen eine Selbstverständlichkeit dar. Wir geniessen heute ein Leben in Frieden und Wohlstand, das Ängste vor Krieg und Zerstörung völlig in den Hintergrund treten lässt. Die aktuelle Situation in Europa und auf der Welt lehrt uns leider, dass dem nicht so ist. Wohl sind wir weniger einer direkten Bedrohung ausgesetzt. Wir alle sind aber in diesem Jahr Zeugen einer menschlichen Tragödie, die sich nur unweit von unserem Land in Serbien, im Kosovo und teilweise in den angrenzenden Gebieten abspielt. Zeugen menschlichen Leids zu sein heisst auch unmittelbar beteiligt zu sein. Das Gebot der christlichen Nächstenliebe verlangt, dass wir alle unsere Möglichkeiten und Kräfte dafür einsetzen, den an Leib und Leben Bedrohten, den Verfolgten, Gequälten, Verletzten, den in ihrer physischen und psychischen Existenz Gefährdeten zu helfen.
Hilfe braucht es in zweierlei Hinsicht: Zunächst braucht es humanitäre Hilfe, die akute Not lindert, die Leben und Überleben ermöglicht, die Getrennte zusammenführt und Perspektiven für eine Rückkehr in die Heimat eröffnet. Es braucht aber auch die klare Manifestation, dass sich Gleiches oder Ähnliches weder in Serbien und im Kosovo, noch im kurdischen Bergland, noch sonst wo in Europa oder auf einem andern Kontinent wiederholt.
Es wäre vermessen, uns allein als kleinem Land und Volk die Kraft und den Einfluss zuzutrauen, eine solche Wende zum Besseren herbeizuführen. Das manchmal durchaus angebrachte Gefühl der Ohnmacht gegenüber mit kriegerischen Mitteln ausgetragenen Konflikten darf uns aber nicht dazu verleiten, Krieg, Zerstörung und menschliches Leid als Bestandteil unseres Alltags anzunehmen. Nur wenn wir in Besinnung auf unseren Glauben, auf unsere christlichen Grundwerte und auf unsere humanitäre Tradition auch alles Mögliche unternehmen, um zur Vermeidung von Konflikten beizutragen, handeln wir konsequent und aufrichtig. Diese Feststellung gilt für Regierungen, internationale Institutionen, Personen und Gruppen mit hohem Ansehen in der Öffentlichkeit und die einfachen Bürgerinnen und Bürger gleichermassen. Jede und jeder hat in seiner Funktion die Möglichkeit, durch gelebte Toleranz und Nächstenliebe, durch Verständnis für andere Kulturen und Bräuche, durch praktizierte Hilfsbereitschaft im täglichen Leben jene Saat zu setzen, die dereinst vielleicht nicht in einer völlig konfliktfreien, aber in einer deutlich konfliktärmeren und weniger gewaltbereiten Volksgemeinschaft aufgehen wird.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, vergessen wir angesichts der internationalen Konflikte nicht jene Mitmenschen im eigenen Land, die - aus welchen Gründen auch immer - eine schwere Sorgenlast zu tragen haben. Versuchen wir, auch ihnen zu helfen, indem wir das praktizieren, was wir uns für die grosse, weite Welt erhoffen: Eine von gegenseitigem Respekt und echter Fürsorge getragene Gemeinschaft.
Ihnen allen wünschen wir Glück und Gottes Segen. Möge der Allmächtige seine schützende Hand über unsere Mitmenschen und uns halten.
Chur, im September 1999
Namens der Regierung
Der Präsident:
Klaus Huber
Der Kanzleidirektor:
Dr. Claudio Riesen
Gremium: Regierung Graubünden
Quelle: dt Regierung
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