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Bettagsmandat 2004

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An die Einwohnerinnen und Einwohner
des Kantons Graubünden

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Oft wird gesagt, dass der Zusammenhalt in der Schweiz sich in den letzten Jahren gelockert habe. Dabei sei unser Land doch eine Willensnation, zusammengehalten weder durch eine gemeinsame Sprache, noch eine gemeinsame Landschaft oder eine gemeinsame Religion.

Was so für die Schweiz gesagt wird, gilt ausgeprägter noch für Graubünden. Die Täler richten sich nach verschiedenen Richtungen aus, die Sprachen sind verschieden, die Konfession ebenso, die Wirtschaftsformen von grosser Unterschiedlichkeit. Das war schon in der Vergangenheit so, es ist in den letzten Jahren nicht anders geworden. Dazu sind Menschen aus ganz andern Kultur- und Sprachkreisen zu uns gezogen, sie haben einen Teil ihrer Herkunft zu uns gebracht. Und dann: Graubünden ist nicht nur auf die Schweiz ausgerichtet, es findet sich mitten in Europa. Südtirol, Vorarlberg, Veltlin, das alles sind heute Partner, mit allen haben wir Aufgaben und Pläne.

Nicht wenige denken, dass es in dieser Situation nur mit präzisen Gesetzen und Vorschriften möglich ist, das Ganze zusammenzubehalten. Aber gerade wegen dieser Verschiedenheit ist es wichtig, dass wir einander nicht einengen, sondern uns gegenseitig den Raum geben, den wir alle für die Entwicklung unserer Eigenheiten benötigen. Natürlich dürfen die Alteingesessenen von den Neuhinzugekommenen erwarten, dass sie sich assimilieren. Aber ebenso natürlich ist es, dass diese ein Stück ihrer Herkunft behalten wollen. Das kann Ängste auslösen und uns dazu führen, uns auf uns selbst zurückzuziehen. Dabei ist der Kontakt auch Bereicherung und zwar auf beiden Seiten. Wenn wir diesem Wechselspiel Zeit und Raum lassen und diesen Raum nicht durch übertriebene Erwartungen und vorgefasste Ideen eng werden lassen, dann kann sich eine gemeinsame Identität entwickeln. Wenn die Menschen, welche aus andern Kantonen, Staaten und Kontinenten zu uns gekommen sind, erleben, dass sie hier Wurzeln fassen dürfen, dann sind sie bereit mitzugestalten und mitzuarbeiten.

Nicht anders als mit den Menschen, die in unserem Gebirgskanton leben, ist es mit den Ideen. Neue tauchen auf, wollen sich Bahn brechen und sich ausbreiten. Viele Menschen machen sich Sorgen, dadurch gehe alles Alte, Wertvolle verloren. Und so gibt man dem Neuen gar keine Chance, sich zu bewähren, gibt ihm den nötigen Raum nicht. Und umgekehrt wollen sich die neuen Ideen nicht selten fast gewaltsam diesen Raum schaffen indem sie das Alte als überholt und rückständig erklären.

Wie unser Kanton zum Beispiel seine inneren Strukturen gestalten soll, Gemeinden, Bezirke, Regionen, ist ein immerwährendes Wechselspiel von Entwickeln von neuen Ideen und Festhalten an bewährtem Bisherigen. Wir brauchen beides. Das Neue abzuqualifizieren, wäre ebenso fatal wie das Alte einfach wegzuwerfen. Wir haben die Aufgabe die politischen Strukturen, aber auch die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse so zu gestalten, dass sie den Einzelnen und den Gemeinschaften auch in Zukunft einen Raum ermöglichen, der ihnen nicht schon präzis vorgegeben ist, sondern den sie in Freiheit gestalten können. Wenn wir davon ausgingen, wir hätten mit dem, was heute existiert, ein für alle Mal die beste Lösung gefunden, dann schränken wir diesen Raum ein. Das macht mutlos, nimmt die Luft zum Atmen und die Freude am Gestalten.

Als Einzelne, als Gemeinden und als religiöse wie kulturelle Gemeinschaften sind alle aufgerufen, den eingeräumten Raum auch in Besitz zu nehmen, ihn zu gestalten und nicht darauf zu warten, dass er von einer übergeordneten Ebene fein säuberlich vorgegeben wird. Raum fordern heisst ebenso sehr, Verantwortung zu übernehmen. Und Raum gewähren heisst ebenso sehr, Vertrauen zu schenken. Beides kann nur miteinander wachsen und gedeihen.

Seien wir uns bewusst: Wie wir das Leben in unserem Kanton gestalten, beruht auf der sorgfältigen Arbeit derer, die uns vorangegangen sind. Wir bauen auf auf ihren Leistungen, wir spüren auch ihre Fehler. Nicht anders wird es den Generationen nach uns gehen. Wir gestalten nicht für die Ewigkeit und wir machen Fehler. Und seien wir uns eines weiteren Umstandes bewusst: Raum und Zeit haben wir nicht selbst geschaffen. Sie sind uns gegeben, um damit haushälterisch umzugehen. Nicht geizig, sondern freigiebig und verantwortungsvoll. Raum schaffen und einander Raum lassen, Zeit geben und Zeit gestalten. Auf diese Weise werden wir auch in Zukunft Lösungen finden, welche das Zusammenleben ganz verschiedener Menschen, mit ganz verschiedenen Ideen, Kulturen, Religionen und Hintergründen in diesem von der Schönheit der Landschaft so verwöhnten Teil der Schweiz ermöglichen und zu einer bereichernden Aufgabe machen.

Mit diesen Gedanken empfehlen wir Euch, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, und alle unsere Mitmenschen samt uns der Obhut des Allmächtigen.

Chur, im September 2004

Namens der Regierung
Der Präsident: Klaus Huber
Der Kanzleidirektor: Claudio Riesen

Gremium: Regierung
Quelle: dt Standeskanzlei Graubünden
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