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Bettagsmandat 2016

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Die Regierung an die Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons Graubünden

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger

Die Verfassung des Kantons Graubünden erinnert uns in ihrer Einleitung an "unsere Verantwortung vor Gott sowie gegenüber den Mitmenschen und der Natur". Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag macht uns diese Verantwortung von neuem bewusst. Sie soll unser Tun und Handeln bestimmen.

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit jedes Einzelnen hat einen hohen Stellenwert. Nicht alle sehen sich gegenüber Gott in Verantwortung. Doch alle sind wir verantwortlich vor unserem eigenen Gewissen. In gelebter Solidarität tragen wir Verantwortung für unsere Mitmenschen und für unser Land. Das ist die Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenleben. Das schafft Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Davon leben wir und das macht unseren Staat erst aus.

Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag.
Gestatten Sie die Frage: Danken wir? Sind wir dankbar für unser Land mit seinen Behörden, Institutionen und Einrichtungen? Vom Staat wird viel und immer mehr erwartet. Seine Leistungen nehmen wir oft als Selbstverständlichkeit hin. Ein Blick über den eigenen Gartenzaun kann zeigen, dass die Dienste des Staates nicht selbstverständlich sind. Sie sind nur möglich, weil zahlreiche Mitbürgerinnen und Mitbürger ihre Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft leben und sich mit grossem persönlichem Engagement für die Mitmenschen und die Natur, für die soziale Gerechtigkeit und den Frieden einsetzen. Die Regierung nimmt das nicht als selbstverständlich hin. Sie dankt Ihnen heute ganz herzlich für alles, was sie für unser Land und seine Bewohner leisten.

Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag.
Bei allem guten Willen läuft in unserem Land hin und wieder etwas daneben. Un-kenntnis, Egoismus, Missgunst, Nachlässigkeit und Feigheit sind einige der Gründe dafür. Man sagt, der Neid sei der älteste Bündner. Busse bedeutet, die eigenen Fehler zu erkennen und an zu erkennen. Busse bedeutet, seine Gesinnung zu ändern und sein Handeln zu korrigieren. Ein Sprichwort sagt: "Wer die Welt verändern will, muss bei sich selbst beginnen". Im staatlichen Zusammenleben heisst das: Aufeinander zugehen und Lösungen erarbeiten, die für alle tragbar sind. Dafür braucht es Weisheit und Weitblick.

Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag.
Beten wir für unser Land? Ja, viele von Ihnen tun das. In den Gottesdiensten der Kirchen geschieht es regelmässig. Dafür sind wir dankbar. Der Wahn, dass der Mensch autonom selbst alles machen kann, führt in den Wahn-Sinn. Nicht einmal so etwas Alltägliches wie das Wetter richtet sich nach unseren Vorstellungen. Vieles im Leben fällt uns einfach zu. Wir sprechen von Schicksal oder "Geschick". Juden, Christen und Muslime vertrauen darauf, dass unser "Geschick" in Gottes Hand liegt. Wir dürfen Gott für unser Land um seine Hilfe bitten. Ihr Beten gibt der Regierung Kraft, Mut und Zuversicht.

Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag.
Unser Land ist eine Eid-Genossenschaft. Im Bundesbrief von 1291 haben sich unsere Vorfahren mit einem vor Gott geschworenen Eid "im Hinblick auf die Arglist der Zeit" gegenseitig Beistand, Rat und Förderung auf jede nur mögliche Weise zugesagt. Jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Den Schwachen gilt deshalb unsere besondere Sorge. Sie sind nicht Last, sie sind Chance und sie beschenken uns mit Reichtümern, die nicht mit Geld aufgewogen werden können.

In der grossen Gemeinschaft des Staates leben Kinder, Jugendliche und Auszubildende, berufstätige und ältere Mitmenschen, Gesunde und Kranke, Einheimische, Ausländer und Flüchtlinge. Sie alle tragen ihren je eigenen Teil zum Zusammenleben in unserem Land bei und sie sind gleichzeitig auf das Verständnis, die Solidarität und den Beistand der anderen angewiesen.

Die älteren Mitmenschen haben in mühevoller Arbeit vieles in Staat und Gesellschaft aufgebaut. Ein Wohlstand wurde möglich, wie es ihn nie zuvor gab. In grosser Dankbarkeit schulden wir diesen Mitmenschen Unterstützung und Pflege, wenn ihre Kräfte abnehmen. Demographisch bedingt stellt das in den nächsten Jahren eine grosse Herausforderung dar, weil Pflegepersonen fehlen werden. Ohne die tatkräftige Hilfe von Angehörigen und Freiwilligen wird es nicht gehen. Unsere Solidarität wird auf die Probe gestellt. Die Regierung vertraut auf die Hilfsbereitschaft aller. Mit vereinten Kräften werden wir es schaffen.

Die Jungen sind die Zukunft unseres Landes. Ihnen übergeben wir nicht nur ein gut organisiertes Land, wir hinterlassen ihnen auch vielfältige neue Probleme. Die Gesellschaft tut sich selber einen Dienst, wenn sie den Jungen eine optimale Ausbildung zukommen lässt. Sie sollen befähigt werden, die zukünftigen Aufgaben zu bewältigen, um so das Wohlergehen in unserem Land weiterhin zu ermöglichen. Die Jungen möchten wir ermuntern, ihre Chancen in der Ausbildung zu nutzen.

Ein Spannungsfeld in der Schweiz ist das Gefälle zwischen den Zentren und der Peripherie. Unser Kanton ist davon besonders betroffen. Dörfer und ganze Talschaften kämpfen ums Überleben. Die Politik kann und will Rahmenbedingungen verbessern. Doch sie löst das Problem nicht allein. Wenn wir auf die Geschichte unseres Kantons zurückblicken, sehen wir hervorragende Persönlichkeiten, die in ihrer Zeit mit viel Mut und Zuversicht neue Wege in die Zukunft eröffnet haben. Denken wir etwa an den Bau der Rhätischen Bahn und der Kraftwerke oder den Aufbau des Tourismus. Visionäre Mitbürgerinnen und Mitbürger, die mit einem begeisternden Blick nach vorn neue Perspektiven erschliessen und Pionierleistungen erbringen, sind dringend gefragt. Die Berge sollen uns den Blick in die Weite nicht versperren. Graubünden ist ein Land mit unendlich vielen Möglichkeiten. Das gemeinsame Gestalten der Zukunft stärkt die Zusammengehörigkeit und die Gemeinschaft. Gehen wir mutig diese Aufgabe an.

Die Schweiz ist Teil der grossen Welt. Sie ist mit ihr in vielfacher Hinsicht vernetzt. Was irgendwo auf dieser Welt geschieht, das beeinflusst unser Leben. Aktuell erleben wir das mit den Flüchtlingen, die nach Europa und in die Schweiz gelangen. Wie viele Flüchtlinge in unseren Kanton kommen entscheidet nicht die Kantonsregierung. An uns ist es, ihnen bei uns ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Die Behörden sind auf die aktive Mithilfe aller Gemeinden und der ganzen Bevölkerung angewiesen. Die Regierung dankt allen Gemeinden und allen Einwohnern, die bereitwillig und engagiert mithelfen, Flüchtlinge aufzunehmen und ihre Integration zu fördern. Teilen mit den Ärmsten macht nicht ärmer, sondern reicher. Auch Flüchtlinge können uns Zukunftsperspektiven eröffnen.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. In solidarischer Gemeinschaft wollen wir „unsere Verantwortung vor Gott sowie gegenüber den Mitmenschen und der Natur“ wahrnehmen. "Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es". Der allmächtige und barmherzige Gott möge uns mit seinem Segen begleiten.


Chur, im September 2016

Namens der Regierung
Der Präsident: Christian Rathgeb
Der Kanzleidirektor: Claudio Riesen
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