Am 14. Juni 2026 stimmt die Bevölkerung über die Eidgenössische Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» ab. Die Bündner Regierung sieht bei einer Annahme Nachteile für den Kanton und das Berggebiet. Am heutigen Medientreffen hat sie deshalb empfohlen, die Initiative abzulehnen.
Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz (Nachhaltigkeits-Initiative)» will die Zuwanderung stoppen, sobald in der Schweiz 10 Millionen Menschen leben. Und die Initiative verlangt Massnahmen ab dem Zeitpunkt, an dem die Bevölkerung 9,5 Millionen erreicht: Der Bundesrat müsste internationale Abkommen wie das Personenfreizügigkeitsabkommen (FZA) neu verhandeln, Schutzklauseln anrufen und den Familiennachzug (insbesondere für EU-Bürger) einschränken. Damit betrifft die Initiative die Wirtschaft bereits dann, wenn die Bevölkerung auf 9,5 Millionen Menschen anwächst. Eine Zahl, die laut Bundesamt für Statistik beim mittleren Szenario schon 2031 eintreten wird.
Der Kanton Graubünden stark betroffen
Regierungspräsident Martin Bühler, Vorstandsmitglied der Konferenz der Kantonsregierungen (KdK), weist denn auch auf die ablehnende Haltung der KdK hin. Gerade als Bergkanton: «Wegen der ungünstigen Demografie droht Graubünden bei einer Annahme der Initiative eine doppelt negative Wirkung», so Regierungsrat Marcus Caduff. Während das Bundesamt für Statistik für die Schweiz bei einem mittleren Szenario («Referenzszenario») ein Bevölkerungswachstum von 15 Prozent bis 2055 prognostiziert, wächst der Kanton Graubünden gemäss diesem Referenzszenario gerade mal um 3 Prozent. Dieses schwache Wachstum ist zudem auf ganz wenige Regionen beschränkt (Churer Rheintal, unteres Misox). Der negative Effekt wird durch den sogenannten Altersquotient verstärkt. Dieser liegt in Graubünden derzeit bei 40, im Jahre 2055 schon bei 60. Dies bedeutet, dass im Jahre 2055 auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter 60 Personen im Rentenalter kommen. Das Gleiche gilt für den Jugendquotient: Die Zahl der Jugendlichen hat in den letzten 10 Jahren bereits um 1,3 Prozent abgenommen. Im Kanton Graubünden verschärft sich die Überalterung in den kommenden Jahren erheblich. Deshalb konstatiert Regierungspräsident Martin Bühler: «Die Überalterung dürfte noch deutlich zunehmen, wenn die Einwanderung aufgrund der 10-Millionen-Schweiz-Initiative künstlich eingeschränkt wird».
Weiter negative Entwicklung der Erwerbsbevölkerung
Der Arbeitskräftebedarf im Kanton Graubünden nimmt zu und das Arbeitskräfteangebot im Kanton in derselben Zeit ab. Mit dem Resultat, dass der Kanton Graubünden bereits in wenigen Jahren ungefähr jede vierte Stelle nicht mehr durch die vorhandene Arbeitsbevölkerung decken kann. Das Wirtschaftsforum Graubünden spricht deshalb für Graubünden nicht mehr von Fachkräftemangel, sondern von einem generellen Arbeitskräftemangel (also von einem Mangel, der weit über bestimmte spezialisierte Berufsgruppen hinausgeht). Dass der gesamten Schweiz ein Arbeitskräftemangel droht, macht die Situation für Graubünden noch schwieriger. Mit einer Annahme der Initiative dürfte der Konkurrenzkampf um Arbeitskräfte zwischen den Schweizer Regionen zunehmen. Das dürfte zu einer noch höheren Abwanderung von Arbeitskräften und einem noch grösseren Mangel führen – der nicht mehr mit Arbeitskräften aus dem Ausland gedeckt werden könnte.
Fallbeispiel Gesundheitswesen
Die Zahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen (Spitäler, Praxen, Spitex) ist im Kanton Graubünden im letzten Jahrzehnt kontinuierlich angestiegen. Knapp 30 Prozent dieser Beschäftigten haben dabei eine ausländische Staatsangehörigkeit. Regierungsrat Peter Peyer stellt deshalb fest: «Das Wachstum war dabei stärker als das Bevölkerungswachstum, was mit der sich verändernden Altersstruktur zusammenhängen dürfte». Auch im Pflege- und Betreuungsbereich ist die Anzahl Vollzeitstellen deutlich gestiegen. Ein weiteres (absehbares) Wachstum und ein verschärfter Konkurrenzkampf um Arbeitskräfte im Gesundheitsbereich ist für Regierungsrat Peter Peyer denn auch «eine beunruhigende Perspektive für Regionalspitäler, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen.» Im Gesundheitswesen herrscht bereits heute schweizweit ein struktureller Arbeitskräftemangel. Mit der Annahme der Initiative dürfte die Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung stark erschwert werden.
Fazit
Regierungspräsident Martin Bühler hält abschliessend fest: «Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist Zuwanderung aus drei Gründen zentral: Sie stabilisiert das Arbeitsangebot in einer alternden Gesellschaft, sie stärkt Innovation und Produktivität in einer wissensbasierten Wirtschaft und sie sichert die Funktionsfähigkeit arbeitsintensiver Branchen, insbesondere in peripheren Regionen.»
Beilage:
Faktenblatt: Was die «10-Millionen-Schweiz»-Initiative für den Kanton Graubünden bedeutet
Auskunftsperson:
Regierungsrat Peter Peyer, Vorsteher Departement für Justiz, Sicherheit und Gesundheit. Anfragen werden koordiniert via Ursina Trautmann, Kommunikationsverantwortliche des Departements für Justiz, Sicherheit und Gesundheit, Tel. +41 79 712 51 57, E‑Mail Medienstelle@djsg.gr.ch.
zuständig: Regierung