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Die Regierung an die Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons Graubünden

Geschätzte Mitbürgerinnen und Mitbürger
Liebe Bündnerinnen und Bündner
Liebe Gäste im Kanton Graubünden

Wir leben in einer Welt der Unsicherheit. In der Wirtschaft, in der Politik, in der Technik, aber auch in der Gesellschaft scheint es immer häufiger, als wäre der Boden, auf dem wir stehen, nicht mehr fest. Stattdessen fühlt er sich wie Treibsand an, und wir müssen darum kämpfen, den sicheren Stand nicht zu verlieren. Das ist ein ungutes Gefühl und verleitet dazu, dringend nach Halt und Sicherheit zu suchen.

Dieser Halt kann in der Vergangenheit gesucht werden, in einer Zeit, in der – so sind wir überzeugt – vieles besser war. Er kann aber auch darin bestehen, die Augen vor den zahlreichen Veränderungen zu verschliessen, die um uns herum stattfinden. Wir schotten uns ab und versuchen, das kleine Glück in uns und um uns herum zu bewahren. Ebenso kann die Unsicherheit eine Flucht nach vorne auslösen: in eine Zukunft, die rosiger und besser sein soll als die Gegenwart. Die Technik soll und wird dann grundlegende Veränderungen bewirken und uns dadurch wieder Stabilität verschaffen.

Sowohl im Rückzug auf sich selbst und die Vergangenheit als auch in der Flucht nach vorne setzen wir uns nicht mehr wirklich mit der Gegenwart aus einander. Ja, wir versuchen ihr aus dem Weg zu gehen. In beiden Fällen liegt der tiefere Grund darin, dass wir Vertrauen verloren haben: das Vertrauen in die Staatsführung, in die Gesellschaft, in unsere Umwelt, in uns selbst und in unsere Fähigkeit, die Zukunft mitzugestalten.

Jede Gemeinschaft und jeder Staat beruhen jedoch auf Vertrauen. Ein Kanton wie der unsere mit seinen drei Sprachen, seinen unterschiedlichen Talschaften, seiner Ausrichtung nach Norden und Süden, den daraus gewachsenen kulturellen Eigenheiten sowie den heute vielfältigen Nationalitäten und religiösen Hintergründen kann nur bestehen, wenn Vertrauen vorhanden ist: Vertrauen untereinander, Vertrauen in die Behörden und Vertrauen in die Bevölkerung.

Wie sollen Gemeinderäte, Verwaltungen auf allen Ebenen, der Grosse Rat und die Regierung ihre Aufgaben erfüllen können, wenn sie das Vertrauen der Bevölkerung nicht spüren? Und umgekehrt: Wie sollen all diese Institutionen ihre Verantwortung wahrnehmen, wenn sie ihrerseits kein Vertrauen in die Bevölkerung haben? Ebenso wichtig ist das Vertrauen zwischen den Generationen – heute vielleicht mehr denn je.

Aus Vertrauen wächst die Freiheit, etwas zu gestalten, neue Wege zu gehen und die Zukunft für uns alle sicherer zu machen. Aus Vertrauen entsteht auch die Freiheit, sich zu äussern, zu kritisieren, anderer Meinung zu sein – verbunden mit der Gewissheit, gehört und ernst genommen zu werden. Vertrauen schafft zudem die Möglichkeit, Fehler einzugestehen und einen Neuanfang zu wagen.

Fehlt dieses Vertrauen, dann steht dem «Die da oben» bald ein «Die da unten» gegenüber. Wohin das führen kann, sehen wir gegenwärtig in aller Deutlichkeit. Die Zahl der Staaten nimmt zu, in denen Vertrauen nicht oder nicht mehr vorhanden ist. Dort dürfen Meinungen nicht frei geäussert werden, und staatliche Anordnungen müssen mit Gewalt durchgesetzt werden. Es gibt nur noch eine Meinung, und diese gilt stets als richtig. Fehler dürfen nicht existieren.

Dorthin möchte bei uns niemand gelangen. Doch auch bei uns wächst die Zahl jener, die kein Vertrauen mehr aufbringen können. Das muss uns beschäftigen. Denn die Bedeutung des Vertrauens erkennen wir oft erst dann wirklich, wenn es verloren gegangen ist. Und dann ist es meist bereits zu spät.

In der näheren Zukunft werden wir viele unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen haben. Sie reichen von der Wohnungsknappheit in den Tourismusorten über Dörfer mit immer mehr Seniorinnen und Senioren und immer weniger jungen Menschen, von Fragen der inneren Sicherheit bis zur Integration der zugewanderten Bevölkerung, von der Sicherung der Altersvorsorge bis zur Bewältigung des wachsenden Verkehrs, von steigenden Gesundheitskosten bis zur Sorge um den Arbeitsplatz angesichts der fortschreitenden Digitalisierung.

Für keine dieser Herausforderungen gibt es einfache Patentrezepte, die eine Flucht nach vorne rechtfertigen würden. Ebenso wenig können wir uns zurückziehen und darauf hoffen, dass sich die Probleme von selbst lösen. Fortschritte werden nur durch geduldige Arbeit möglich sein, durch die Bereitschaft, Altes loszulassen, wo es nötig ist, und Bewährtes zu bewahren, wo es sich bewährt hat.

Wenn wir uns als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger eingestehen, dass auch wir keine Patentrezepte besitzen, zugleich aber bereit sind, Lösungsansätzen eine Chance zu geben und ihnen ein kritisches Vertrauen entgegenzubringen, dann ist bereits viel gewonnen. Und wenn Amtsträgerinnen und Amtsträger dieses Vertrauen spüren und verantwortungsvoll damit umgehen, sind wir gemeinsam einen grossen Schritt weiter. Aus dem ersten Schritt wächst ein zweiter, aus dem zweiten ein dritter – und so wächst auch das Vertrauen.

Der schweizerische Dank-, Buss- und Bettag lädt uns dazu ein, über solche Fragen nachzudenken. Er gibt uns Anlass, darüber nachzudenken, worauf unser Staat beruht und wie wir dieses Fundament stärken und sichern können. Die Antwort liegt weder allein im Blick zurück noch ausschliesslich im Blick nach vorne. Gelingen wird es dann, wenn wir inmitten aller Wirrungen und Irrungen gemeinsam vertrauensvoll weitergehen, auch einmal eine Einbusse akzeptieren, die schwächeren Glieder unserer Gemeinschaft unterstützen und den Weg der Freiheit, den frühere Generationen gegangen sind, auch heute entschlossen weiterbeschreiten.

Chur, im September 2026

Namens der Regierung
Der Präsident: Martin Bühler
Der Kanzleidirektor: Daniel Spadin

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