Navigation

Inhaltsbereich

MIX 2026 | S. 6–9 | Leitartikel

Bitte verbinden Eine lokale Sprache zu lernen ist zentral, um in Graubünden selbstständig zu leben, mitzureden und sich zugehörig zu fühlen. Doch Verständigung entsteht nicht allein durch Wortschatz und Grammatik. Dialekt, Tempo, Fachsprache, unausgesprochene Regeln und Unsicherheit können neue Hürden schaffen. Damit der Austausch gelingt, braucht es ein Gegenüber, das zuhört, nachfragt und mitdenkt.

Text: Philipp Grünenfelder; Illustrationen: Lorena Paterlini


«Ich habe gelächelt und angedeutet, dass ich es verstanden habe.» Yasser Ali kennt diesen Reflex. Der 47-Jährige kam vor zwölf Jahren aus Syrien in die Schweiz und begann hier Deutsch zu lernen. Trotzdem erinnert er sich gut an Situationen, in denen er in Alltagsgesprächen lieber nicht nochmals nachfragte, wenn er etwas nicht verstanden hatte. Aus Sorge, sich zu exponieren oder für weniger kompetent gehalten zu werden. Also lächeln, nicken, weitergehen.

Wie viele Wörter muss man kennen, damit das nicht mehr passiert? Die Frage führt in die falsche Richtung. Selbstverständlich ist der Erwerb einer lokalen Sprache eine zentrale Voraussetzung für Integration. Im Ausländerbereich des Kantonalen Integrationsprogramms Graubünden (KIP 3) entfallen 33 Prozent der Mittel auf den Förderbereich Sprache, mehr als auf jeden anderen. Zugewanderte sollen Sprach- und Alltagskompetenzen für Selbstständigkeit, gesellschaftliche Teilhabe, Ausbildung und Arbeit erwerben. Wie die Fachstelle Integration den Anfang dieses Weges gestaltet, zeigen MIX-Besuche im Erstaufnahmezentrum Meiersboden und im Durchgangszentrum Valbella.

Doch mit Sprachkursen oder einem erreichten Sprachniveau allein ist das Thema nicht erledigt. Eher im Gegenteil: Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt im Alltag, beim Znüni im Betrieb, am Elternabend, an der Bushaltestelle oder bei der Ärztin. Dort zeigt sich, wie viel zwischen den gelernten Wörtern noch passieren kann.

 

Mehr als Grammatik

«Eine Auffassung der Sprache nach Grammatik und Wortschatz reicht zu kurz», sagt Marina Petkova. Die Linguistin forscht und lehrt an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zu sprachlicher Integration, Mehrsprachigkeit und der Deutschschweizer Sprachsituation. Kommunikation sei immer ein Zusammenspiel von sprachlicher und sozialer Kompetenz. Um eine Sprache zu beherrschen, müsse man nicht nur Wörter verstehen, sondern Situationen lesen, Rollen einschätzen und wissen, welche Art des Sprechens gerade passt.

Petkova illustriert diese Erkenntnis mit einem denkbar alltäglichen Beispiel: dem Einkaufen. Wer gewohnt ist, auf einem Markt von Stand zu Stand zu gehen und über den Preis der Tomaten zu verhandeln, bringt ein anderes Wissen über die Situation mit als jemand, der im Supermarkt nach der Nummer zum Wägen der Peperoni fragt. Der Wortschatz kann übereinstimmen und die Situation trotzdem fremd bleiben. Beim Arztbesuch, im Elterngespräch oder auf einer Amtsstelle kommen Fachbegriffe, Erwartungen, Abläufe und unausgesprochene Regeln hinzu.

Genauso wenig gibt es «die» Ausgangslage für den Spracherwerb. Petkova weist darauf hin, dabei nicht nur an bestimmte Gruppen von Migrantinnen und Migranten zu denken. Das Spektrum reicht von Menschen, die nie eine Schule besucht haben und zuerst lernen müssen, wie man lernt, bis zu hochqualifizierten Fachkräften, die ihren Arbeitsalltag auf Englisch bestreiten. Einige lernen die zweite Sprache, für andere ist es bereits die dritte oder vierte Fremdsprache. Bereits vorhandene Sprachen können den Erwerb einer weiteren sehr erleichtern. Mehrsprachigkeit ist auch deshalb eine Ressource.

Und noch etwas lässt sich kaum in Niveaustufen abbilden: die Lebenssituation. Wer gleichzeitig Geldsorgen hat, die Familie durch einen unsicheren Alltag navigiert oder belastende Erlebnisse verarbeitet, lernt unter anderen Voraussetzungen als jemand, der sich sicher fühlt. «Die Motivation ist etwas vom Wichtigsten, auch für den Spracherwerb», sagt Petkova. Eng damit verbunden sei emotionale Sicherheit. Wer sich aufgenommen und willkommen fühle, könne nachweislich besser lernen und das Gelernte eher behalten. Spracherwerb fördert also das Ankommen und ein gutes Ankommen fördert umgekehrt massgeblich den Spracherwerb.

Was das im Kleinen bedeutet, lässt sich im Sprachtreff der Stadtbibliothek Chur beobachten. Viele kämen zunächst, um das Sprechen zu verbessern, erzählt Bibliotheksleiterin Heidi Theus, und merkten bald, dass sie ebenso Kontakte, Orientierung und Sicherheit suchten. Ohne Prüfung und Leistungsdruck wird in bunt gemischten Runden über Einkaufen, Verkehr, Essen, Humor oder Eigenheiten der jeweiligen Sprache geredet. Manchmal zeigt sich der Fortschritt darin, dass jemand plötzlich mehr Fragen stellt, manchmal darin, dass Teilnehmende nach dem Treffen gemeinsam einen Kaffee trinken gehen. «Dann wird Sprache mehr als ein Lernziel», sagt Theus. «Sie kann als wichtiges Werkzeugeingesetzt werden für Beziehungen, Freundschaften und gesellschaftliche Teilhabe.» Doch spätestens ausserhalb solcher geschützten Räume wartet wieder eine Sprachwelt, auf die kein Kurs vollständig vorbereiten kann.

 

Wenn Hochdeutsch nicht reicht

Wer Hochdeutsch lernt, merkt in der Deutschschweiz oft schon auf dem Weg zur Lektion, dass rundherum etwas anderes gesprochen wird. Standardsprache und Dialekt teilen sich auch in weiten Teilen Graubündens den Alltag. Der Fachausdrück dafür lautet gemäss Sprachwissenschaftlerin Diglossie. Für Zugewanderte bedeutet das zunächst zusätzliche Arbeit. Im Zweiergespräch wechselt das Gegenüber vielleicht noch auf Hochdeutsch. Sobald mehrere Einheimische zusammensitzen, fällt die Runde schnell wieder in den Dialekt. Wer eben noch gut folgen konnte, steht plötzlich daneben.

So weit, so mühsam. Doch Petkova dreht die Perspektive um. Gerade weil Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer von klein auf unterschiedliche Dialekte hören und zwischen Mundart und Standardsprache wechseln, seien sie sprachlich erstaunlich flexibel. Sie können Formulierungen mit einer abweichenden Grammatik oder Aussprache häufig schneller verstehen und sind bei Verständigungsschwierigkeiten bemerkenswert flexibel. «Das ist tatsächlich ein grosser Vorteil», sagt sie.

Einfach wird es dadurch trotzdem nicht. Dialekt ist in der Deutschschweiz gemäss der Expertin auch eine Varietät der Nähe und Zugehörigkeit. Wer immer sofort ins Hochdeutsche wechselt, meint es vielleicht höflich, kann beim Gegenüber aber genau das Gegenteil auslösen. Wer den Dialekt längst versteht, empfindet den Wechsel bisweilen als Signal, noch nicht ganz dazuzugehören. Andere sind froh darüber. Eine Gebrauchsanweisung gibt es entsprechend nicht. Dafür braucht es etwas, das auf beiden Seiten ohnehin hilft: aufmerksam zuhören, Signale wahrnehmen und im Zweifel nachfragen.

 

Bitte nicht in Zeitlupe

Ausgerechnet der gut gemeinte Versuch, besonders verständlich zu sein, kann nämlich eine neue Hürde schaffen. Petkova verweist auf das wissenschaftlich untersuchte Phänomen des sogenannten «Foreigner Talk». Manche Einheimische sprechen mit Deutschlernenden plötzlich auffällig langsam, bauen übertrieben einfache oder gar fehlerhafte Sätze und reduzieren die Kommunikation auf das vermeintlich Nötigste. Dahinter steckt bisweilen eine falsche Gleichsetzung: Wer sich sprachlich unsicher ausdrückt, wird auch für weniger kompetent gehalten. Doch wer noch nicht perfekt Deutsch spricht, hört deshalb nicht schlechter und denkt auch nicht weniger komplex.

Wie weit beides auseinanderliegen kann, zeigt Yasser Ali. In Syrien arbeitete der Familienvater neun Jahre als Jurist, in der Schweiz absolvierte er unter anderem einen CAS in Migrationsrecht und arbeitet heute als Sprachkursleiter und interkultureller Dolmetscher für Arabisch und Kurdisch. Gerade in dieser Funktion fragt er nach, sobald etwas nicht eindeutig ist. Nicht weil ihm das Wissen fehlt, sondern weil Genauigkeit zu seiner Arbeit gehört. «Ich muss alles verstehen, nicht nur 70 Prozent», sagt er. Sprachliche Sicherheit und fachliche Kompetenz sind eben nicht dasselbe.

Petkova geht noch einen Schritt weiter. Auch gut gemeinte Unterstützung könne Menschen abwerten, wenn ihnen vorschnell weniger zugetraut werde. Sie spricht von einer Form positiver Diskriminierung und kennt diese auch aus eigener Migrationserfahrung. Wertschätzung könne im Gegenteil bedeuten: «Ich weiss, dass du das kannst.» Natürlich kann es helfen, langsamer zu sprechen, einen komplizierten Satz zu vereinfachen oder auf Hochdeutsch zu wechseln. Entscheidend ist, sich dabei am tatsächlichen Bedarf des Gegenübers zu orientieren und nicht an einer vorschnellen Vorstellung davon.

Diese Verantwortung liegt nicht nur bei Einzelpersonen. Petkova begegnet immer wieder Informationen im Internet oder auf Flyern, die sich ausdrücklich an Migrantinnen und Migranten richten und trotzdem kaum verständlich sind. «Sehr häufig können das nicht einmal Schweizerinnen und Schweizer genau verstehen, wenn sie sich nicht auskennen», sagt sie. Verständliche Sprache ist deshalb keine Gefälligkeit. Sie entscheidet mit darüber, ob Menschen Informationen nutzen, Entscheidungen treffen und selbstständig handeln können.

Doch selbst ein verständlicher Satz garantiert noch nicht, dass beide Seiten dasselbe meinen. Menschen bringen Erfahrungen, Erwartungen und Vorstellungen mit, die sich nicht mitübersetzen lassen. Genau an solchen Stellen beobachten interkulturell Dolmetschende besonders häufig, wie Verständigung ins Stocken gerät.

 

Zwischen den Zeilen

Elodie Rossmaier dolmetscht Französisch und Deutsch, häufig für Menschen aus west- und zentralafrikanischen Ländern. «Eine Fachperson empfahl einer Mutter einmal, mit ihrem Kind häufiger in den Wald zu gehen», beginnt Rossmaier ein Beispiel. Für die Mutter habe das nicht nach einem harmlosen Spaziergang zwischen markierten Wegen und Spielplätzen geklungen. Sie habe «Wald» mit «la brousse», also mit Buschland, wilden Tieren und Gefahren aus ihrer Herkunftsregion verbunden. «Von aussen konnte ihre Zurückhaltung wie mangelndes Interesse wirken. Tatsächlich wollte sie hinaus, ihr fehlte aber ein Stück Kontext», so die interkulturelle Dolmetscherin.

 

Bisweilen ist es noch banaler. Eine Fachperson rät etwa zu einem «gesunden Znüni». «Sagen Sie nicht einfach ‹gesund›, das ist zu abstrakt», empfiehlt Rossmaier. «Sagen Sie konkrete Beispiele.» Was für die eine Seite selbstverständlich ist, muss für die andere noch lange nicht dasselbe bedeuten. Ihr Dolmetscher-Kollege Yasser Ali erlebt das besonders häufig im Bildungssystem. Was bedeutet «Feinmotorik»? Was heisst es, wenn ein Kind noch nicht «reif» für den nächsten Schritt ist? Letzteres musste der Mutter erklärt werden, damit klar wurde: «Es geht nicht um Intelligenz oder Dummheit.» Auch die Durchlässigkeit des Schweizer Bildungssystems ist vielen neu zugezogenen Eltern unbekannt. Eine Empfehlung für einen bestimmten Schulweg kann dann als Abwertung verstanden werden, obwohl die Lehrperson etwas ganz anderes bezweckt.

 

Wenn Angst mitredet

Noch stärker wirken solche Unterschiede dort, wo Scham und Angst ins Spiel kommen. Eine Einladung des Schulpsychologischen Dienstes oder der KESB kann bei Menschen, die staatliche Stellen aus anderen, oft negativen Kontexten kennen, Vorstellungen auslösen, die hier niemand beabsichtigt. Ali erlebt, dass Eltern aus Angst, ihnen könnten die Kinder weggenommen werden oder andere negative Folgen entstehen, besonders vorsichtig sprechen oder Probleme lieber nicht erwähnen. «Manchmal beginnt die Hilfe beim Verständnis schon vor dem eigentlichen Gespräch. Dann geht es zunächst darum zu erklären, weshalb man überhaupt hier ist und welche Aufgabe die betreffende Institution hat», sagt er.

Gerade in sensiblen Situationen kann zusätzlich professionelle Unterstützung sinnvoll sein. Gesundheit, Soziales und Bildung sind laut Alexander Moline, Bereichsleiter bei Arge Verdi, dem Vermittlungsdienst für interkulturelle Dolmetschende, die wichtigsten Einsatzfelder in Graubünden. «Es kann sein, dass jemand bei der Arbeit mit seinem Deutsch problemlos durchkommt, bei einem Arzttermin aber trotzdem nicht genau versteht, worum es geht.» Je folgenreicher ein Missverständnis wäre, desto wichtiger werde die sprachliche Absicherung. Ali bezeichnet die Anwesenheit eines Dolmetschers bei wichtigen Gesprächen deshalb bisweilen als «eine Art Versicherung».

 

Hilfsmittel bleiben Hilfsmittel

Für viele sprachliche Hürden gibt es heute auch digitale Unterstützung. Ein fremdes Wort ist in Sekunden gefunden, ganze Formulare und Briefe lassen sich übersetzen oder vereinfachen. Im Alltag kann das enorm hilfreich sein. Auch Petkova sieht darin grosses Potenzial, etwa unterstützend im Deutschkurs oder beim Zugang zu Informationen. «KI ist mittlerweile ein toller Assistent. Aber nur ein Assistent», sagt sie. Ein System könne Texte bearbeiten, Übungen erstellen oder Übersetzungen liefern. Was es nicht ohne Weiteres erfasse, sei die konkrete Situation. Wer sitzt einem gegenüber, was bringt diese Person mit und weshalb löst ein scheinbar harmloser Begriff vielleicht Unsicherheit oder eine unerwartet harsche Reaktion aus? Dafür brauche es Kontextwissen, Fachkompetenz und in vielen Situationen einen aufmerksamen Menschen. «Überhaupt wird im Integrationsbereich viel darüber diskutiert, wie entscheidend der Einsatz von qualifizierten Fachpersonen und deren professionelles Handeln sind», so die Expertin.

Beim professionellen Dolmetschen erweitert die Technik ebenfalls die Möglichkeiten. Telefon- und Videodolmetschen können laut Moline gerade in einem weitläufigen Kanton wie Graubünden Distanzen überbrücken und seltene Sprachen schneller verfügbar machen. Sie lösen damit aber vor allem ein praktisches Problem.

Ob zwei Menschen am Ende tatsächlich dasselbe verstanden haben, bleibt eine andere Frage.

Heidi Theus bringt es aus der Perspektive des Sprachtreffs auf einen einfachen Nenner: «Sprache ist selten das eigentliche Ziel. Sprache ist der Schlüssel.» Türen öffnen sich allerdings leichter, wenn auf der anderen Seite jemand mitdenkt. Wenn eine Lehrperson erklärt, was sie mit «reif» meint. Wenn eine Ärztin merkt, dass ein Fachbegriff nicht angekommen ist. Wenn eine Nachbarin nicht sofort in Zeitlupe verfällt, sondern erst einmal normal weiterredet. Und wenn beide Seiten nachfragen, bevor aus Unsicherheit ein Missverständnis wird. Dann wird aus Sprache tatsächlich Verbindung.