Mit Respekt fängt alles an Im Tempel schöpft Shanty Dharmarajah Kraft. Im Alltag gibt sie diese weiter: als Pflegeassistentin, interkulturelle Dolmetscherin oder Moderatorin von Femmes-Tische. Ein Porträt über Vertrauen, Dankbarkeit und ein Leben für die Freiwilligenarbeit.
Text: Philipp Grünenfelder; Foto: Donata Ettlin
Es ist kein Zufall, dass uns Shanty Dharmarajah im Sri Navasakthi Vinayagar-Tempel in Zizers empfängt. Der Glaube gibt der 63-jährigen Churerin Halt, Orientierung und ein tiefes Verantwortungsgefühl gegenüber Natur und Mitmenschen. «Wir sind dankbar, dass wir hier einen Ort haben, wo wir uns treffen, zur Ruhe kommen und gemeinsame Werte teilen können», betont sie. Diese Energie soll für Dharmarajah aber nicht im Tempel bleiben: «Die Kraft, die ich hier bekomme, gehört nicht mir allein», sagt sie und schlägt den Bogen zu ihrem Beruf als Pflegeassistentin im Kantonsspital und zu ihren Freiwilligenengagements.
Dharmarajah kommt 1986 mit Verwandten aus Sri Lanka nach Churwalden in ein Asylheim. Bald schon findet die junge Lehrerin eine Stelle in Arosa als Allrounderin in einer Naturklinik. «Am Anfang verständigten wir uns mit den Händen, etwas Englisch und viel gutem Willen.» Einmal sei sie schon mitten in der Nacht bei der Arbeit erschienen. «Ich war zu aufgeregt – und hatte keinen Wecker.» Solche Geschichten vergesse man ebenso wenig wie die Menschen, die es gut mit einem meinten. «Wie meine Chefin. Sie schickte mich ins Bett und versicherte mir, mich rechtzeitig zu wecken.» Ein kleiner, aber wichtiger Vertrauensbeweis in einer unsicheren Lebensphase, blickt Dharmarajah zurück und fügt scherzend hinzu: «Mit meinem ersten Lohn kaufte ich mir trotzdem einen Wecker.»
Solche Erfahrungen sind Teil ihrer Motivation. Die Erkenntnis, wie viel Vertrauen und Begleitung bewirken können. Dharmarajah übersetzt das in Freiwilligenarbeit. Genauso wie 39,2 Prozent der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren, ohne die so vieles nicht funktionieren würde, auch nicht in der Integration. Bald begleitet sie Bekannte zu Arztbesuchen oder auf Ämter. Später wird sie unter anderem interkulturelle Dolmetscherin und unterrichtet heimatliche Sprache und Kultur. Alles neben der eigenen Familie mit zwei heute erwachsenen Söhnen. Für Sprachkurse oder ein hiesiges Lehrerdiplom blieb keine Zeit. Das Asylsystem sah das auch nicht vor.
Reden, bis Vertrauen entsteht
Seit vier Jahren moderiert Dharmarajah das Format Femmes-Tische der kantonalen Fachstelle Gesundheitsförderung. Sie organisiert und leitet monatlich tamilische Gesprächsrunden. «Wir sitzen in Runden von acht bis zwölf Frauen zusammen. Wir scherzen viel und lernen voneinander.» Nie vermittle sie Wissen von oben herab. «Ich frage immer zuerst: Wie ist das bei euch?» Die Themen reichen von Familie über Gesundheit bis Integration. «Anfangs hatten viele Mühe, sich zu öffnen, aber mit der Zeit kamen auch sensible Themen zur Sprache: Einsamkeit oder psychische Erkrankungen in der Familie.» Wie sie den Menschen begegne? «Das Wichtigste ist Respekt. Gegenseitige Achtung schafft Vertrauen und ist die Basis für Verständnis und Toleranz.»
Dharmarajah kommt auf den Brandanschlag von Chur zu sprechen. 1989 starben an der Alexanderstrasse vier Menschen aus Sri Lanka, darunter zwei Kinder. Dass die Stadt seit kurzem mit einer Gedenktafel und dem Vier-Lichter-Weg an die Opfer erinnert, bedeute ihr und der tamilischen Community sehr viel. Wenn sie über die Tragödie spricht, versucht sie immer auch die aufgeheizte Stimmung jener Zeit mitzudenken. Vieles sei von Unwissen und beidseitigen Ängsten geprägt gewesen. «Wir sind der Stadt für dieses Zeichen sehr dankbar und ich wünsche mir, dass wir dem Land für all die Möglichkeiten, die wir erhalten haben, etwas zurückgeben können.» Für Dharmarajah heisst menschlicher Respekt auch: nicht vergessen, dankbar bleiben, etwas weitergeben.
-> femmestische.ch