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MIX 2026 | S. 18–19 | «Fachstelle Integration» | Sprachtraining LieLa  

 

«Man muss auch mal den Spassvogel machen» In Valbella lernen Geflüchtete Deutsch mit Buntstiften, Gesten und Liedern. Möglich ist das, weil sich Freiwillige auf ein lebendiges Vermittlungsformat einlassen. Die LieLa-Unterrichtsmethode zeigt, wie viel du und ich mit professionellen Hilfsmitteln und Leidenschaft bewirken können.

 

Text: Philipp Grünenfelder; Fotos: Dorothee Pujol

 

Der Geschirrspüler wird orange. Das Bett bekommt einen gelben Rand, der Tisch einen grünen. Über die Arbeitsblätter gebeugt, malen neun Männer jeweils Küche, Bad, Schlafzimmer und Wohnzimmer aus. Nicht beiläufig, sondern sorgfältig. Wer einem der Gegenstände eine Farbe zuweist, spricht die Wörter dazu: Das Waschbecken ist blau. Farbe, Bild und Klang verbinden sich. Das Klassenzimmer im Transitzentrum Valbella in Litzirüti wirkt nicht wie eine Schule, vielmehr wie eine Werkstatt für erste Wörter. Das Sprachtraining ist für die Geflüchteten mit laufendem Asylverfahren ein willkommener Zugang zum Ort, an dem sie gerade leben. Sie warten auf Entscheide, müssen aber schon jetzt Termine verstehen, Fragen stellen und sich in der Umgebung orientieren.

 

Früher anfangen

 

Initiantin des Angebots ist die Fachstelle Integration (FI) Graubünden. Asylsuchende im erweiterten Verfahren sollen möglichst früh Zugang zu einer lokalen Sprache erhalten, fordert die Integrationsagenda des Bundes. Weil sie noch keine regulären Sprachkurse besuchen dürfen, etabliert die FI in den Transitzentren gerade ein alltagsnahes Angebot vor Ort. Dabei setzt sie auf das in St. Gallen bewährte Unterrichtsmodell LieLa von Liechtenstein Languages. Es umfasst 120 Stunden kreativen Sprachunterricht. Reena Steffens, Mitarbeiterin Erstinformation und Spracherwerb, schult die freiwilligen Trainingsleitenden, begleitet sie und leitet inzwischen auch selbst ein LieLa-Training im Transitzentrum Scalotta in Marmorera. Die Erfahrungen fliessen laufend in die nächsten Schritte ein. Denn LieLa ist zwar ein Regelangebot, befindet sich in Graubünden aber noch in der Einführungsphase.

 

Mit dem ganzen Körper

 

Evie Sprecher ist Trainingsleiterin in Litzirüti. «Die Teilnahme ist freiwillig. Manche melden sich sofort an, auf andere gehe ich persönlich zu und ermutige sie», sagt die 64-Jährige. Sprecher arbeitet als Betreuerin im Zentrum, weshalb sie nahe bei den Bewohnenden ist. Die Zeit für die Lektionen kann sie sich freischaufeln dank der Unterstützung ihres Teams. Zwar habe sie bereits früher Sprachkurse angeboten, aber mit LieLa verfüge sie nun erstmals über eine professionelle Grundlage. «Die Teilnehmenden spüren, ob jemand vorne steht, der einen sinnvollen, aufbauenden Plan hat.» Dass dieser Plan nicht nach klassischem Unterricht aussieht, gehört zur Methode. Im Schulzimmer wird jedes neue Wort szenisch eingeführt, es wird geklatscht, gespielt, gesungen und gezeichnet. «Der spielerische Zugang nimmt die Hemmungen und holt alle gleich ab», beobachtet Sprecher. «Auch jemand, der im Herkunftsland an einer Universität war, macht gerne Spiele. Und jemand, der nicht lesen kann, findet darüber sowieso besser in eine neue Sprache.»

 

Wörter brauchen Gegenüber

 

Loqman, 26, aus Afghanistan, macht das Training «viel Spass», auch wegen der «super Lehrerin». Khan, ebenfalls aus Afghanistan, besuchte in seinen 30 Lebensjahren noch nie eine Schule. «Das lateinische Alphabet ist schwierig, aber ich lerne es immer besser.» Meshel, 40, Kurde aus der Türkei, würde am liebsten jeden Wochentag den Unterricht besuchen. «Ich merke mir Wörter und Sätze viel besser, wenn ich sie höre und nachspreche.» Mehr Unterricht wünschen sich auch Nahom, 26, aus Eritrea, und Gürkan, 35, aus der Türkei. Nahom spricht Tigrinya, etwas Arabisch und Englisch. «Aber hier brauche ich Deutsch», sagt er. Seit kurzem fahren die beiden nach Chur in den Sprachtreff der Stadtbibliothek (vgl. S. 6). Viele lernen zusätzlich mit YouTube und Apps. Die sprachliche Vielfalt im Zentrum erlebt Nahom als Vorteil. «Mit Kollegen aus anderen Sprachgebieten muss ich schlicht Deutsch sprechen.» Asad, 30, aus Afghanistan, stimmt dem zu. Trotzdem sagt er: «Wir brauchen mehr Sprechpartner. In Litzirüti ist es schwierig, jemanden zu finden.»

 

Aufeinander achten

 

Die Vielfalt unter den Teilnehmenden ist Teil der Wirkung. «Durch das kreative Zusammenarbeiten entsteht eine positive Gruppendynamik, die sich auf den übrigen Zentrumsalltag überträgt», beobachtet Sprecher. «Dank des Trainings kommen die Bewohnenden oft überhaupt erst sprachübergreifend zusammen.» Esterina Degiacomi, pensionierte Psychologin und freiwillige Trainingsleiterin im Transitzentrum Rheinkrone in Cazis, hat das ebenfalls erlebt. «Mit jeder Lektion wuchs die Gruppe mehr zusammen. Dabei hatte ich vom ersten Tag an ein gutes Gefühl», betont sie. «Die unterschiedlichen Methoden geben allen eine Chance auf Erfolgserlebnisse, was motiviert. Wenn Teilnehmende einander helfen, merkt man zusätzlich, wie viel Potenzial in ihnen steckt.»

 

Freiwillige gesucht

 

Damit LieLa in Graubünden Fuss fassen kann, braucht es weitere Menschen, die solche Trainings übernehmen. Auch wenn die Fachstelle Integration sie fachlich unterstützt und das Material zur Verfügung stellt, bleibt es laut Degiacomi eine anspruchsvolle Aufgabe. «Drei Stunden aktiv vor lernwilligen Menschen zu stehen, ist intensiv», betont sie. Die Vorbereitung beanspruche ebenfalls einige Zeit. Zudem passe das kreative Format nicht zu allen. «Man muss auch mal den Spassvogel machen können, gerne singen und ein wenig Theäterle», betont die 66-Jährige mit einem Lachen. «Aber genau darin liegt ja die Stärke von LieLa. Und die liebenswürdigen Menschen, ihre Aufmerksamkeit und ihre Energie sind ein wunderbarer Lohn», ergänzt sie.

 

Am Ende der Übung sind die Räume auf den Blättern bunt. Jedes gewissenhaft ausgemalte Möbelstück trägt nun ein deutsches Wort. Und  genau hier, beim grünen Waschbecken oder blauen Geschirrspüler, beginnt der nächste Satz, der nächste Schritt.

 

LieLa kurz erklärt

 

Die LieLa-Methode (Liechtenstein Languages) ist ein hochgradig interaktiver Ansatz für den Sprachunterricht. Die Trainingsleitung spricht nur Deutsch. Sie unterstreicht Bedeutungen mit Gesten und Handlungen, was Übersetzungen überflüssig macht. Die Teilnehmenden sitzen nicht still. Sie lernen aktiv mit allen Sinnen. Dabei helfen Rollenspiele, Bildkarten, Musik oder Bewegung. Die Forschung deutet darauf hin, dass Vokabellernen erst effizient funktioniert, wenn es Spass macht. Anfängerinnen und Anfänger lernen so in wenigen Wochen bis zu 600 Wörter.

 

è  21.liela.li