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«Gute Kästchen, böse Kästchen»

Rassistische Diskriminierung findet in allen Lebensbereichen statt und ist auch in der Schweiz kein Randphänomen. Für die Fachstelle Integration ist das vielschichtige Thema ein zentraler Arbeitsschwerpunkt. Sie möchte aufzeigen, wie wichtig die Auseinandersetzung damit ist, obwohl sie unbequem sein kann. Denn in uns allen schlummern Diskriminierungsantreiber.

Illustration Lorena Paterlini

Die Pandemie hat nicht nur die Klimabewegung etwas aus dem Fokus der breiten Öffentlichkeit gedrängt, auch die zuvor vielbeachteten Aktionen von Black Lives Matter (BLM) wurden von Corona in die medialen Randnotizen verbannt. Davor schufen Aktivistinnen und Aktivisten im Zuge der rassistischen Polizeigewalt in den USA mit bunten Kundgebungen wie etwa in Chur ein neues Bewusstsein dafür, dass es auch hierzulande nach wie vor rassistische Diskriminierung gibt (Definition siehe rassismusberatung.gr.ch). Sie forderten u. a., dass sich die Schweiz aktiver mit ihrer Rolle in der europäischen Kolonialgeschichte auseinandersetzt. Gilt diese Zeit doch als Ursprung für Stereotype und Vorurteile, die bis heute den Nährboden bilden für rassistische Diskriminierung von Schwarzen Menschen und People of Color, also Menschen, die sich selbst als nicht-weiss definieren.

Verschwunden ist die Rassismus-Debatte trotz geringerer Aufmerksamkeit für BLM selbstverständlich nicht. Im Gegenteil: Die Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie verbreitet darüber hinaus Vorbehalte bis hin zu Hass gegenüber weiteren Personengruppen sind. Albanischstämmige Migrantinnen und Migranten standen von einem Tag auf den anderen unter Generalverdacht als Coronaimportierende und Impfverweigerer. Oder denken wir daran, wie Impfgegner mit einer gelben Davidstern-Armbinde die systematische Judenverfolgung und -ermordung während des NS-Regimes gedankenlos mit den coronabedingten Einschränkungen gleichsetzten. Allein diese beiden Beispiele veranschaulichen, wie breit und unterschiedlich sich Grundlagen für Ausgrenzung gestalten.

Rassismus und Diskriminierung können nur dann wirksam bekämpft werden, wenn sie in all ihren – häufig subtilen – Äusserungsformen auch wahrgenommen und sichtbar gemacht werden. Das wissen neben BLM und andere Sensibilisierungs-Akteurinnen und -Akteuren auch der Bund und die Kantone. Die Kantonalen Integrationsprogramme (KIP) verpflichten deshalb auch zur Rassismusprävention und Diskriminierungsbekämpfung. Obwohl diese Arbeit auf staatlicher Seite in der Schweiz, anders als in anderen Ländern, bei der Integrationsarbeit angesiedelt ist, betrifft sie längst nicht nur Menschen ohne Roten Pass. Ein dunkelhäutiger Schweizer, eine muslimische Schweizerin, eine jenische Familie oder Schweizer Staatsangehörige der jüdischen Glaubensgemeinschaft können rassistischer Aggression und Diskriminierung selbstverständlich genauso ausgesetzt sein. Nicht zuletzt deshalb bildet die Thematik in der Arbeit der Fachstelle Integration eine Querschnittaufgabe. Sie will sowohl im Rahmen der eigenen Integrationsarbeit als auch in weiteren Projekten zusammen mit den Gemeinden und privaten Organisationen Informations- und Aufklärungsarbeit leisten sowie Betroffenen und Ratsuchenden mit einer neuen Beratungsstelle zur Seite stehen.

Viele Schattierungen

Auch die Zahlen unterstreichen die Bedeutung dieser Aufgabe. Gemäss einem im September 2021 erschienenen Bericht der Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB) des Bundes gaben in der Schweiz 40 Prozent aller 15- bis 24-Jährigen in einer repräsentativen Erhebung an, in den letzten fünf Jahren Diskriminierung erlebt zu haben. In den weiteren Altersgruppen sind es immer noch zwischen 30 und 39 Prozent. Tendenz leicht steigend. Immerhin: Knapp zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung anerkennt Rassismus gemäss der FRB als ernstes gesellschaftliches Problem. Auch wenn nicht jede Form von Rechts wegen geahndet werden kann, kann eine Handlung dennoch rassistisch motiviert sein oder als rassistisch empfunden werden. Erfahrungen aus der Opferberatung zeigen, wie wichtig es in jedem Fall ist, die Betroffenen ernst zu nehmen, denn viele trauen sich aus Angst, damit alles nur noch schlimmer zu machen, nicht einmal, Unterstützung zu suchen. Der Leidensdruck besteht unabhängig vom Motiv der diskriminierenden Person oder Institution und davon, ob die Diskriminierung bewusst oder unbewusst erfolgt ist. Mehrere Studien weisen bei Betroffenen insbesondere spezifische negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit nach, sowohl bei wahrgenommener als auch bei erlebter Diskriminierung und Ausgrenzung.

Auch an den Coronademonstrationen dürften nicht alle Teilnehmenden mit judenfeindlichen Symbolen überzeugte Rassisten gewesen sein, auch wenn die Relativierung und Verharmlosung unentschuldbar ist. Rassisten folgen bewusst einer Ideologie, die Menschen aufgrund ihrer ethnischen, nationalen oder religiösen Zugehörigkeit in angeblich naturgegebene, aber von der Biologie längst widerlegte, Gruppen («Rassen») einteilen und diese hierarchisieren. Gemäss der FRB sind die Gründe für rassistischer Diskriminierung in der Schweiz hingegen breiter gefächert und in den meisten Fällen Ausdruck von diffusen Ängsten, Aggressionen, Vorurteilen und mangelndem Einfühlungsvermögen. Auch Unwissen kommt als Grund hinzu, wie teilweise wohl auch im Beispiel der gelben Davidsterne, deren Verwendung mitunter von einem falschen Geschichtsverständnis zeugt. Das macht die Sache allerdings nicht einfacher, denn diese Grundlagen sind in allen Gesellschaftsschichten angelegt und basieren im Ursprung letztlich oft auch auf den Machtstrukturen aus der Kolonialgeschichte und den daraus hervorgegangenen Rassenideologien.

Wir alle

Gerade ein Blick auf die zwiespältige Rolle der Vorurteilen verdeutlicht, wie viel Selbstreflexion notwendig ist, damit man nicht selbst herabwürdigt oder gar diskriminiert. Vorurteilen folgen wir nur allzu gerne – meist ganz unbewusst. Grundsätzlich haben sie eine gewisse Schutzfunktion, indem sie uns etwa in gefährlichen Situationen ermöglichen, blitzschnell eine Entscheidung zu treffen. Sie spielen auch eine wichtige Rolle bei der Gruppenbildung. Sei das in der Familie, im Freundeskreis, im Berufskollegium. Die eigene Gruppe beurteilen wir gemäss Neurologen nach weniger strengen Massstäben als andere und Vorurteile haben hierbei eine ausgeprägte Ein­ und Ausgrenzungsfunktion. Aus evolutionärer Sicht sei es nachvollziehbar, dass wir einigen Gruppen wider besseres Wissen gewisse Eigenschaften zu- und andere absprechen, denn mit dieser Dynamik würden wir aggressive Gefühle aus der eigenen Gruppe heraushalten und die innere Solidarität stärken. Das wird allerdings problematisch bis gefährlich, wenn Menschen dadurch einzelne oder mehrere Personen aus einer anderen Gruppe beschimpfen, ausgrenzen oder ihnen im allerschlimmsten Fall psychische oder körperliche Gewalt antun.

Gefordert ist also jede und jeder Einzelne von uns, im Kampf gegen rassistische Diskriminierung zur Wahrung der Menschenwürde. Er erfordert einerseits viel Hartnäckigkeit bei der Sensibilisierung wie zum Beispiel durch BLM oder die Fachstelle Integration, und andererseits grosse Bereitschaft zur Selbstreflexion und Selbsteinsicht.Nur Gleichgültigkeit ist kein guter Ratgeber.

 

Text: Philipp Grünenfelder, Illustration: Lorena Paterlini