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«Ein vertrauensvolles Arbeitsklima ist enorm wichtig»

Patrik Oberholzer und Urs Hardegger arbeiten tagtäglich mit Menschen unterschiedlichster Prägung, auch mit anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen. Wie sorgen sie dafür, dass rassistische Diskriminierung keine Plattform bekommt, und wie intervenieren sie, falls es trotzdem einmal einen Fall gibt?

 

Interviews: Philipp Grünenfelder

Patrik Oberholzer, Leiter Berufsbildung Psychiatrie-Dienste Süd, Pfäfers – «Dinge sollen auf den Tisch»

Herr Oberholzer, die Betriebe der Psychiatrie-Dienste Süd bieten Ausbildungsplätze in acht verschiedenen Berufen an. Ist die Zusammensetzung der Teams genauso divers?

Durchaus, so vielfältig wie die Berufsbilder in der Pflege, im Gebäudeunterhalt oder in der Hauswirtschaft, sind die Mitarbeitenden – nicht nur bei den Auszubildenden. Viele kommen aus Portugal, Sri Lanka, Eritrea oder Italien und haben unterschiedlichste Lebensläufe aufgrund ihrer Migrations- und Fluchterfahrung. Diese Menschen bringen einige zusätzliche Ressourcen ein, von denen wir profitieren können. Nur schon von den Sprachkenntnissen.

Wie gelingt die Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Charakteren?

Dafür ist ein vertrauensvolles Arbeitsklima enorm wichtig. Auch unbequeme Dinge sollen offen auf den Tisch gelegt werden können. Wir Vorgesetzten müssen diesen transparenten und menschlichen Kommunikationsstil auf Augenhöhe täglich vorleben. Uns kommt dabei entgegen, dass wir gerade hier am Standort Pfäfers sehr familiär organisiert sind. Der Hilfskoch ist genauso «duzis» mit dem CEO wie ich. Wenn man sich verbunden fühlt, will man sich auch eher unterstützen, unabhängig davon, woher man kommt.

Ist es dennoch schon zu rassistischer Diskriminierung gekommen?

Aus den dreizehn Jahren, in welchen ich hier in der Berufsbildung arbeite, sind mir erfreulicherweise keine konkreten Fälle bekannt. Ich schätze, dass sich Betroffene auch tatsächlich gemeldet hätten bzw. sich melden würden. Es herrscht kein Klima der Angst und falls es notwendig sein sollte, verfügen wir sowohl über eine interne Ombudsstelle als auch über eine unabhängige beim Kanton St. Gallen. Vereinzelt kann es von Patientinnen und Patienten in Not- bzw. Extremsituationen ausgehend vorkommen. Solche Szenarien sind Bestandteil der Pflegeausbildung und wir bieten grundsätzlich für alle kritischen Eventualitäten Unterstützungsmodelle nach klaren Standards an.

Inwiefern tangiert Sie die Diskriminierungsthematik auch privat?

Nur schon deshalb, weil es politisch omnipräsent ist. Im Bekanntenkreis werde ich bisweilen aber auch eins zu eins für die negativen Auswirkungen von Ungleichbehandlung sensibilisiert. Beispielsweise was es für gleichgeschlechtliche Paare im Alltag bedeutet, nicht dieselben Rechte zu haben. Glücklicherweise tritt die «Ehe für alle» im Juli in Kraft.

Urs Hardegger, Institutionsleiter Stiftung am Rhein, Maienfeld – «So etwas akzeptiere ich nicht»

Herr Hardegger, welche Rolle spielt Diversität in den beiden Pflegezentren und dem Hospiz der Stiftung am Rhein?

Keine aktive, aber gleichwohl eine wichtige. Rund 40 Prozent unserer Mitarbeitenden haben einen Migrationshintergrund. Einige leben seit Jahrzehnten hier, anderen bieten wir einen Einstieg in die Arbeitswelt und in unsere Gesellschaft. Wir profitieren sehr von dieser Vielfalt, u. a., weil sie mittlerweile auch bei den betagten Menschen stetig zunimmt. Diese stammen teilweise ebenso aus Italien, dem Tibet oder anderen Ländern und schätzen es, wenn sie sich mit ihrem Gegenüber in der Muttersprache verständigen können oder wenn ihre kulturellen Eigenheiten auf Resonanz stossen.

Wie gelingt die Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Charakteren?

Dafür ist ein vertrauensvolles Arbeitsklima enorm wichtig. Auch unbequeme Dinge sollen offen auf den Tisch gelegt werden können. Wir Vorgesetzten müssen diesen transparenten und menschlichen Kommunikationsstil auf Augenhöhe täglich vorleben. Uns kommt dabei entgegen, dass wir gerade hier am Standort Pfäfers sehr familiär organisiert sind. Der Hilfskoch ist genauso «duzis» mit dem CEO wie ich. Wenn man sich verbunden fühlt, will man sich auch eher unterstützen, unabhängig davon woher man kommt.

Gleichwohl hat ein grosser Teil keinen Migrationshintergrund. Haben Sie das Gefühl, Ihre Mitarbeitenden würden Ihnen rassistische Vorfälle melden?

Ich sage meinem Kader und den Mitarbeitenden immer: Lieber einmal etwas zu viel melden, als ungute Geschichten schlummern zu lassen. Eine offene Kommunikation hilft dabei, Probleme an der Wurzel zu packen. Ausserdem messe ich der Gleichbehandlung aller Menschen oberste Priorität zu. Mit dieser klaren Haltung wirke ich präventiv. Ich weiss, dass sich Betroffene melden würden. Es ist in zwei, drei Ausnahmefällen in den letzten Jahren auch schon vorgekommen, immer ausgehend von betagten Bewohnerinnen und Bewohnern.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Vorweg möchte ich betonen, dass wir grundsätzlich auf verschiedene Formen von möglichen Übergriffen auf unsere Mitarbeitenden und den Umgang damit vorbereitet sind. Das gehört in unserer Branche, wo wir mit zwischenmenschlich herausfordernden Situationen konfrontiert sind, zu den Standards. Wir verfügen sowohl über eine Ombudsstelle als auch über eine Vertrauensperson im Haus (Pflegedienstleiterin), die im Falle von Übergriffen als Anlaufstelle fungieren. Darüber hinaus gehören u. a. interne Beschwerdeformulare zu den Instrumenten. Und nun zum Beispiel: Eine Bewohnerin wollte sich partout nicht von einer unserer Mitarbeiterinnen aus Sri Lanka bedienen lassen ¬– wegen deren Hautfarbe. So etwas akzeptiere ich nicht, in keinem Fall. Nachdem ich die Meldung erhalten hatte, suchte ich umgehend das Gespräch mit der Bewohnerin und machte ihr das klar. Einen vergleichbaren Fall hatten wir vor einigen Jahren mit einer ausgewanderten Schweizerin, die im hohen Alter aus Südafrika zurückgekehrt war und ihre weisse Prägung aus der Zeit der Apartheit bei uns weiterleben wollte…

Wie schätzen Sie die Situation grundsätzlich ein im Pflegebereich?

Ich kenne vor allem die Situation in den Heimen und habe das Gefühl, dass in Graubünden allgemein ein positives, vertrauensvolles Klima besteht. Schliesslich sind die besprochenen Themen auch Bestandteil der guten Ausbildung unserer Fachkräfte.

Sie verfolgen einen klaren Ansatz – auch neben der Arbeit?

Selbstverständlich. Sowohl in meinem privaten Umfeld als auch in meiner politischen Tätigkeit als Grossrat gilt mein Credo: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Und daran halte ich mich.