Navigation

Inhaltsbereich

«Lösungswege gemeinsam erarbeiten»

Olivia Tognarelli und Donat Albin leiten die neue kantonale Beratungsstelle für Opfer rassistischer Diskriminierung. Sie übernehmen eine wichtige Verantwortung für Menschen, die zuerst einmal eines brauchen: ein unvoreingenommenes Gegenüber.

Illustration Lorena Paterlini
 

Die Angst davor, nicht ernst genommen zu werden, gehört zu den wichtigsten Gründen, weshalb sich Menschen trotz rassistisch motivierter Diskriminierung keine Hilfe suchen, geschweige denn, sich für ihre Würde und Rechte zur Wehr setzen. Kommt die Sorge hinzu, mit einer Reaktion alles nur noch schlimmer zu machen. Ein neues, kostenloses Angebot der Fachstelle Integration möchte dieser Tatsache entgegenwirken. Olivia Tognarelli und Donat Albin beraten seit Anfang 2022 einerseits Personen oder deren Angehörige, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder anderer kultureller Merkmale diskriminiert fühlen. Und andererseits Fachinstitutionen sowie Personen und Organisationen, die in ihrem Alltag mit Fragen zu Rassismus und Diskriminierung konfrontiert werden. «Die Dunkelziffer dürfte wegen der Ängste der Betroffenen gross sein», sagt Felix Birchler, Leiter der Fachstelle Integration. «Wir können die erwartete Nachfrage deshalb nicht wirklich beziffern, aber wir wissen – nicht zuletzt aufgrund unserer bisherigen Beratungserfahrungen –, dass auch in Graubünden zunehmender Bedarf nach einem solchen Angebot besteht». Entsprechende Forderungen aus der Zivilgesellschaft und von verschiedenen Integrationsplayern über die letzten Jahre deckten sich mit dieser Einschätzung. Das Departement für Justiz, Sicherheit und Gesundheit prüfte deshalb verschiedene Optionen. Es kam zum Schluss, dass auf den bereits vorhandenen Kompetenzen der Fachstelle Integration aufgebaut werden soll, und verabschiedete 2021 das entsprechende Konzept.

Befähigen statt intervenieren

«Am Allerwichtigsten ist, dass die Betroffenen sich darauf verlassen können, ein wohlwollendes Gegenüber zu haben», erklärt Birchler. Es gelte empathisch zu sein, aber «Olivia und Donat müssen auch neutral bleiben. Am zielführendsten ist es, wenn die oft aufgewühlten Betroffenen mit ihrer fachmännischen Unterstützung etwas Distanz und einen besseren Überblick gewinnen können», so der Fachstellenleiter weiter. Erst in einem zweiten Schritt gehe es darum, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Meist kommen die Betroffenen so selbst auf die Idee und werden aktiv. Tognarelli und Albin intervenieren nur wenn die Person das wünscht und ihr die möglichen Folgen bekannt sind. Für besonders herausfordernde Fälle oder wenn die Neutralität nicht gewährleistet werden kann, weil etwa eine andere Behörde beschuldigt wird, besteht für deren Weiterbearbeitung eine Leistungsvereinbarung mit der selbstständig öffentlich‑rechtlichen Asylorganisation Zürich (AOZ). «Die Beraterin und der Berater werden von Hanspeter Fent, dem Begründer des Kompetenzzentrums für interkulturelle Konflikte TikK, kontinuierlich weitergebildet. Für die Klärung juristisch relevanter Fälle, wenn also beispielsweise eine Anzeige angebracht ist, ziehen Tognarelli und Albin Experten der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus bei oder verweisen an dafür spezialisierte Rechtsanwältinnen. «Damit auch dieser Schritt niederschwellig bleibt, können wir Gutscheine für Rechtsberatungen abgeben», so Birchler.

Besser sichtbar werden

Nun gilt es, die Sichtbarkeit des Angebots mit gezielten Werbemassnahmen zu verbessern. Die Überzeugung ist gross, dass das Angebot auch deshalb zunehmend genutzt wird. «Unabhängig davon ist jeder einzelne Fall, in dem wir zu einer Verbesserung oder Lösung der Situation beitragen können, ein Erfolg» so Birchler. Abgestimmt auf das laufende kantonale Integrationsprogramm KIP wird der Kanton Ende 2023 eine erste Bilanz ziehen.

Weitere Informationen zur Beratungsstelle gegen Rassismus unter: rassismusberatung.gr.ch

 

Donat Albin – Berater Beratungsstelle gegen Rassismus und Fachverantwortlicher Bildung und Soziales

«Bereits im Rahmen meiner ersten Anstellung nach dem Studium kam ich im Transitzentrum Disentis beruflich mit Diskriminierungsfragen in Berührung. Die persönlichen Erfahrungen reichen indes weiter zurück: Meine Mutter ist Deutsche und gilt im Dorf, wo ich aufgewachsen bin, teilweise bis heute als «Fremde». Schon als Bub machte es mich ‹hässig›, mitzubekommen, wie dominierend Vorurteile sein können und wie wenig sie hinterfragt werden. Persönliche Betroffenheit ist bei meinen aktuellen Aufgaben allerdings ein schlechter Ratgeber. Parteilich müssen wir sein, nicht aber parteiisch. Dafür werden wir aus- und weitergebildet. Ich versuche mich stets in das Gegenüber hineinzuversetzen, es ernst zu nehmen, aber nicht, mich emotional mit ihm zu verbünden. Damit wäre niemandem geholfen. Auch Abgrenzung ist ein wichtiges Thema, schliesslich werden wir mit Geschichten konfrontiert, die sehr betroffen machen. Ich freue mich darauf, an diesen Herausforderungen weiter zu wachsen.»

Olivia Tognarelli – Beraterin Beratungsstelle gegen Rassismus und Jobcoach Berufliche Integration

«Der Zugang zum Wohnungsmarkt ist sehr beschränkt, wenn man gegen Vorurteile ankämpfen muss. Diese konkrete Form der Diskriminierung beobachtete ich bei meiner früheren Arbeitgeberin, bei welcher ich Wohnungen an anerkannte und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge vermittelte, allzu oft. Bereits vor dem anschliessenden Studium der Sozialarbeit lernte ich also, wie hartnäckig Rassismus im Alltag sein und welch weitreichende Folgen er haben kann. Davon weiss auch mein Mann ein Liedchen zu singen. Er stammt aus São Paulo, Diskriminierung auf dem Schweizer Arbeitsmarkt musste er auch schon selbst erfahren. Wenn Angestellte unwissend sind und ihre Rechte nicht kennen, werden sie bisweilen schamlos ausgenutzt. Spannend an meiner neuen Beratungstätigkeit wird es sein, immer mehr dieser Facetten der rassistischen Diskriminierung charakterisieren zu lernen und so die Opfer von Rassismus noch situationsgerechter unterstützen zu können.»

 

Text: Philipp Grünenfelder, Illustration: Lorena Paterlini