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«Diskriminierung ist nicht immer ideologisch bedingt»

Hanspeter Fent beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Lösung von interkulturellen Konflikten. Etwa als Mitbegründer des Kompetenzzentrums TikK und heute als selbständiger Coach und Berater.

 

Interview: Philipp Grünenfelder

Herr Fent, mussten Sie selbst auch schon Diskriminierungserfahrungen machen?

Durchaus. Meine Mutter kam als 18-Jährige aus Italien in die Schweiz, mein Vater wurde im Toggenburg als italienischstämmiger Secondo geboren. Ich bin dort in der Zeit aufgewachsen, als «Tschinggen» sehr viel Ablehnung entgegenschlug. Entsprechend früh beschäftigten mich Fragen von Zugehörigkeit bzw. Ausgrenzung und ich entwickelte ein Sensorium für Ungerechtigkeit. Letztere habe ich fast physisch, schmerzlich wahrgenommen. Speziell bei subtilen Formen, etwa gegenüber meiner Mutter. Ich selbst musste wegen meinem Migrationshintergrund immer wieder als Sündenbock herhalten und war deshalb auch ein typischer Schulversager.

Hatten diese Erfahrungen direkten Einfluss auf Ihre spätere Bildungs- und Berufslaufbahn?

Eindeutig. Die Sorge, ob ich überhaupt einen guten Weg finden würde, hat mich stets begleitet. Sie war aber glücklicherweise verknüpft mit der Frage, was ich mir überhaupt wünsche. Abgesehen davon, dass ich gerne Pilot geworden wäre, war für mich immer klar: Ich will helfen können. Die Übernahme von Vermittlerrollen entspricht grundsätzlich meinem Naturell und die Fähigkeit wurde durch meine Kindheits- und Jugenderfahrungen sicher noch gestärkt. Gleichzeitig schärfte der Migrationshintergrund das Verständnis für verschiedene, gleichwertige Lebenswelten. Eine ebenso wichtig Grundlage für meine heutige Tätigkeit zu der ich nach einer Lehre über das Studium der Sozialen Arbeit gefunden habe.

Weshalb ist die Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung auch aus gesellschaftlicher Sicht so wichtig?

Die Integration im Sinne einer gleichberechtigten Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen kann nur gelingen, wenn keine Diskriminierung erfolgt. Deshalb ist es eine wertvolle politische Errungenschaft, dass der Diskriminierungsschutz heute u. a. in den kantonalen Integrationsprogrammen KIP verankert und den Behörden als Aufgabe mitgegeben worden ist.

Gerade mit Behörden arbeiteten Sie schon ab Mitte der 1990er-Jahre und vor dieser Entwicklung zusammen. Was hat die Verantwortlichen in den Verwaltungen, den Schulen oder bei der Polizei dazu gebracht, Ihre Unterstützung in Anspruch zu nehmen?

Dabei muss man zwei Beweggründe unterscheiden. Einerseits der dringliche Unterstützungsbedarf bei akuten Konfliktsituationen zwischen Einheimischen und Zugezogenen wie z.B. bei gewalttätigen Übergriffen auf Pausenplätzen. Andererseits die längerfristige Absicht, strukturelle Veränderungen in den Organisationen selbst herbeizuführen. Sei es, um weitere Vorfälle zu vermeiden oder vergangene aufzuarbeiten. Analysen der dringlichen Situationen haben oft zur Erkenntnis geführt, dass eine umfassendere Auseinandersetzung mit der Thematik angebracht ist.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Damals vermittelten wir nach einem Tötungsdelikt, bei dem ein kurdischstämmiger Vater seine Tochter erstochen hatte. Insbesondere die Medien sprachen schnell von Ehrenmord und stellten die pauschale Frage, ob Zugewanderte «so» überhaupt integrierbar seien. Bei der Suche nach Ursachen fokussierten alle Beteiligten zu lange und zu sehr auf kulturelle Aspekten, statt die ganze Geschichte aufzuarbeiten. Es hat sich herausgestellt, dass die Familie im Vorfeld der Tat von den Sozialdiensten zwar betreut worden war, diese Hilfe der familiären Konfliktsituation aber nicht angemessen war. Sie basierte ebenfalls zu sehr auf Vorurteilen und dem Abgrenzungskonzept «Wir und die Anderen». Diese für die Gemeinde gleichermassen unangenehme, wie überraschende Erkenntnis führte zu einem dreijährigen Engagement, in dessen Rahmen wir den Fall gemeinsam aufgearbeitet haben.

Haben die Behörden rassistisch gehandelt?

Es ging hier nicht um eine weitere Schuld- oder Täterfrage. Der Vater wurde verurteilt und musste zurecht für seine Tat geradestehen. Es ging um Grundsätzlicheres. Die Frage, was wir als Staat und als Zivilgesellschaft darüber hinaus tun können, um zielführend zu handeln und solche Fälle möglichst zu verhindern. Auch deshalb wurde unsere Arbeit hinsichtlich ihrer Wirksamkeit immer wieder wissenschaftlich evaluiert.

Wann ist jemand ein rassistischer Täter oder eine Täterin?

Ich finde das Wort Täter oder Täterin in diesem Zusammenhang und in seiner Absolutheit problematisch. Wenn jemand mit rassistischem oder diskriminierendem Handeln Gesetze verletzt, ist der Fall klar. Hierzu gibt es ein Regelwerk. Rassistisches und diskriminierendes Handeln und Empfinden kennt aber viele, auch subtilere Formen und Auswirkungen. Auch ist Diskriminierung nicht immer ideologisch bedingt.

Können Sie auch hierzu einen konkreten Fall schildern?

Eine Primarschullehrerin verweigerte einem Schüler den samstäglichen Besuch des Kurses in Heimatlicher Sprache und Kultur (HSK), weil ausnahmsweise gleichzeitig ein Elterntag stattfinden sollte. Der Kompromissantrag seiner Eltern, wenigstens nur die halbe Zeit anwesend zu sein, wurde von der Schulpflege abgelehnt. Die Mutter und der Vater machten es trotzdem so, worauf sie von der Behörde gerügt und gebüsst worden sind. Die Schulpflege stellte sich auf den pauschalen Standpunkt, die Schulpflicht gehe vor und der Rest sei privat. Bis zu diesem Zeitpunkt engagierten sich die Eltern leidenschaftlich im Elternrat oder bei Schulveranstaltungen. Danach gerieten sie in eine innere Not und hatten eine grosse Vertrauenskrise. Sie fühlten sich ausgegrenzt und missverstanden, was zu einem Rückzug führte. Vor Gericht bekamen sie schliesslich Recht, denn die Schulordnung sah den Besuch der HSK-Kurse explizit vor.

Hat sich die Situation mit dem Urteil entspannt?

Nein, erst ein Runder Tisch auf unsere Initiative hin führte dazu, denn schliesslich war es besonders mit der Lehrperson eine aufwühlende Situation unter Menschen, die sich zuvor eigentlich sehr schätzten. Die Schulpflege entschuldigte sich und stellte ihre Entscheidungspraxis um. Die Lehrperson konnte den Eltern aufrichtig versichern, dass sie persönlich gar nicht so handeln wollte, die «Pflichterfüllung» ihr selbst unangenehm war. Eltern und Lehrerin mögen sich immer noch und ich würde die Pädagogin in diesem Fall nicht als Täterin bezeichnen.

Ist die Dialogbereitschaft der entscheidende Schritte in Ihrer Arbeit?

Darauf arbeiten wir hin. Man kann Menschen mit unterschiedlichen Mitteln zu einem Gespräch bewegen. In besagtem Fall war das Gerichtsurteil der Türöffner. Aber erst wenn die Beteiligten auch wirklich bereit sind, ihre ganz persönlichen Haltungen und Bilder zu hinterfragen und sich ihrer Vorurteile bewusst zu werden, kann über Lösungen gesprochen werden.